US-Geschäftsberichte: Immer größere Abweichung zwischen gemeldeten und wahren Zahlen. Oder: Wie aus Verlusten Gewinne werden …

Das Problem ist schon etwas älter, aber es wird (nicht zum ersten Mal) zunehmend schlimmer.

Kurze Erläuterung: Die US-Börsenaufsicht erlaubt es den Unternehmen, ihre Quartalszahlen in einer Pro-Forma-Version, quasi einer Vor-Ab-Version, zu veröffentlichen. Der Geschäftsbericht, der dann den anerkannten Bilanz- und GUV-Vorschriften (in den USA heißen diese GAAP) entspricht, kann dann ein paar Wochen später nachgereicht werden.

Zwischen beiden Versionen sollte es natürlich keine großen Abweichungen geben, und wenn doch, sollten diese nicht systematisch in die gleiche Richtung gehen. Doch genau das tun die beiden Berichte.

Als ich zum letzten Mal (vor ein, zwei Jahren) eine Analyse dieser Abweichungen gesehen habe, lag der Unterschied bei etwa 6%, sprich das endgültige Quartalsergebnis nach GAAP lag im Durchschnitt 6% niedriger als das zuerst gemeldete. Der Hauptgrund dabei waren Kosten, die man "Pro-Forma" anders bzw. gar nicht berücksichtigt hat, u.a. Strafen oder Dividendenzahlungen auf Vorzugsaktien.

Die New York Times meldet nun, dass für das Geschäftsjahr 2015 inzwischen 90% der Firmen ihre Geschäftszahlen pro-forma veröffentlichen. 2009 waren es nur 72%. Auch die Abweichung wird größer. Leider ist kein direkter Vergleich der beiden Veröfffentlichungen im Bericht enthalten, aber die Differenz muss gestiegen sein (außer der Vergleichswert ist schräg gewählt): Wenn man die Erstveröffentlichung als Maßstab nimmt, sind die Unternehmensgewinne 2015 um 6,6% gegenüber dem Vorjahr gestiegen, nimmt man die endgültige Veröffentlichung als Basis, sind die Gewinne 2015 um fast 11% gefallen. Wow!

Unter den 380 untersuchten Unternehmen haben es 30 sogar geschafft, in der Pro-Forma-Veröffentlichung einen Gewinn zu melden, in der endgültigen jedoch einen Verlust.

Upps, beim genaueren Nachschauen haben wir doch noch ein paar Kosten gefunden …

Warum machen Firmen das? Weil die erste Veröffentlichung die Aktienkurse bewegt, die endgültige jedoch nicht. Bei der ersten Meldung reicht häufig schon ein Gewinn, der um einen Cent über bzw. unter den Erwartungen liegt, um den Aktienkurs um 5 oder 10% nach oben bzw. unten zu bewegen. Die endgültige Veröffentlichung ein paar Wochen später jedoch interessiert kaum noch jemanden. Dazu kommt, dass es einige Datenanbieter geben dürfte, die die Daten nicht zweimal eingeben, und immer den ersten, eigentlich falschen Wert in ihrer Datenbank stehen lassen. Damit können die Bewertungen eines Unternehmens besser aussehen als sie eigentlich sind. Und Aktien auf "Kaufen" stehen, die eigentlich gar nicht mehr auf "Kaufen" stehen sollten. Und Fondsmanager Aktien kaufen, die sich eigentlich nicht mehr kaufen sollten. Oder auch Privatanleger, die die falsche Zahl auf einem der vielen Finanzportale im Internet sehen.

Das erinnert frappierend an die Jahre vor dem Internet-Hightech-Crash zur Jahrtausendwende. Damals wuchsen die Abweichungen zwischen Erst- und Zweitbericht ebenfalls deutlich. Diese Abweichungen wurden als einer der Gründe identifiziert, die zur Größe der damaligen Blase führten. Deshalb wurden Regeln geschaffen, um solche geschönten Geschäftszahlen in Zukunft zu verhindern. Aber die US-Finanzmarktaufsicht SEC scheint daran gut 15 Jahre nach dem IT-Aktien-Crash schon nicht mehr sonderlich interessiert zu sein …

Fantasy Math Is Helping Companies Spin Losses Into Profits - The New York Times

btw: @mh120480 und ich podcasten jetzt. Einmal pro Woche (so der Plan) gibts jetzt was auf die Ohren. Mehr drüben auf www.mikrooekonomen.de. Und noch btw-er: Wir freuen uns über iTunes Kritiken mit mehr als einem Stern ;)

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