Interessante Abweichung zwischen Wettmärkten (75% #bremain) und Umfragen (ca. 50/50 #brexit)

Die Umfrage zum möglichen EU-Austritt von Großbritannien verspricht ziemlich spannend zu werden. Sagen die Meinungsumfragen. Die Prognosen stehen minimal auf Remain, aber 48 zu 49 oder 47 zu 48 (bei 4% Unentschieden) sind defakto ein Münzwürf. Dazu hat ein Referendum einfach zu viel Unbekanntes. Bei Wahlen kann man als Meinungsforscher auf Parteizugehörigkeit bzw. -präferenzen verlassen. Grob gesagt weiss man, was 2/3 der Bevölkerung wählt, weil sie immer das selbe wählen. Der Meinungsforscher muss nie alle Stimmen vorhersagen, sondern "nur" die Menge der "Wechselwähler". Das macht grobe Fehlprognosen relativ unwahrscheinlich. Bei Referenden kennt man das Verhalten in den vorherigen Wahlen aber nicht, da es keine vorherigen Vorwahlen gibt. Meiner Meinung nach kann man daher alle Prognosen mit ein oder zwei Prozentpunkten Abweichung komplett vergessen. Bei einer normalen Wahl wäre das schon kein Abstand, auf den man sich verlassen könnte, bei einem Referendum gilt das IMHO noch viel mehr.



Komischerweise haben entgegen der unklaren Einschätzung der Meinungsforscher die Wettmärkte eine klare Einschätzung, die mich vor allem in ihrer Eindeutigkeit überrascht. Egal ob man zu Ladbrokes, Betdaq oder wohin auch immer geht, wird für #Bremain deutlich weniger Geld ausgezahlt als für #Brexit. Es läuft auf Wahrscheinlichkeiten von 3:1 hinaus, auf 75% zu 25% pro Verbleib in der EU:



Da die Wettmärkte in den letzten Jahren bei einigen Entscheidungen (teilweise deutlich) bessere Prognosen gegeben haben als die Meinungsforscher, wird es sehr spannend zu sehen, ob sie auch dieses Mal (in dieser sehr wichtigen Frage) richtig liegen.

Zumindest denkbar ist es aber, dass die Wettmärkte verzerrt sind. Es könnte sein, dass sich über die Wettmärkte einige, die sich als mögliche Verlierer eines Brexits sehen, absichern. Ich halte das zwar für relativ unwahrscheinlich, unter anderem weil die Wettmärkte nicht sonderlich liquide sind. Bei den "normalen" Buchmachern dürften die Märkte zwar mindestens im zweistelligen Millionenbereich Brexit-Wetten platziert sein, auf den Wettbörsen (wo man Wetten kaufen *und* verkaufen kann, ist der Umsatz aber eher sechsstellig. Damit sind die üblichen Verdächtigen, die Risiken über Märkte absichern, raus. Für große Banken oder Unternehmen sind die Wettmärkte schlicht zu klein (und wenn Anlagerichtlinien wahrscheinlich eh tabu). Und sichern sich kleine Unternehmen oder Privatanleger ab? Ich schätze eher nicht, die machen das normalerweise auch nicht (auch wenn das gerne behauptet wird, wenn über den volkswirtschaftlichen Nutzen von Optionsmärkten diskutiert wird).

Kurz: Ich habe keine gute Erklärung, warum sich die Einschätzungen der Meinungsforscher und der Buchmacher/Wetter so stark unterscheiden. Habt ihr vielleicht eine gute Erklärung?

Update (11:37):

Ein interessantes Detail habe ich noch gefunden:

Something Strange Emerges When Looking Behind The "Brexit" Bookie Odds

Der durchschnittliche Wetteinsatz für #BRemain scheint etwa fünfmal so hoch zu sein wie für #BRexit. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass wesentlich mehr Leute auf Brexit wetten als auf Bremain (der Markt muss ja ausgeglichen sein). Es scheinen also andere Leute auf Remain zu setzen als auf Brexit. Sind das vielleicht doch Absicherungsgeschäfte?
Oder (verschwörungstheoretisch interessant): Versuchen "Reiche" die Wettbörsen in Richtung Remain zu ziehen? Mir leuchtet das nicht ein, weil ich nicht glaube, dass die Leute in eine bestimmte Richtung abstimmen, weil die Wettmärkte diese Richtung vorgeben … Warum also Wettmärkte beeinflussen?

Update 2 (24.6.2016):

Brexit. 51,8%.

Dicker Flop für die Wettmärkte, ein Schlag ins Gesicht für die Verfechter der Schwarmintelligenz. Die Meinungsforscher lagen zwar auch überwiegend auf der falschen Seite, aber immerhin gab es einige, die von "too close to call" sprachen. Kein überragender Sieg für die Meinungsforscher, aber immerhin näher dran bis weniger schlecht …

(Ich habe auf Twitter die Anmerkung bekommen, dass bei 51/49 und einer Prognoseabweichung von +/- 1,5 Prozentpunkten die Wettquote von 75% zu 25% mathematisch in Ordnung sei. Das kann ich auf die Schnelle nicht überprüfen, aber das Argument ging auch an meinem Punkt vorbei. Und der war: Bei einer Abstimmung zu einem Fall, für den man keine historische Daten (=Wahlergebnisse) verfügt, ist das Konfidenzintervall (die Prognoseabweichung) größer als bei einer "normalen" Wahl. Nun gut, damit habe ich dann wohl richtiger gelegen als mit meinem Brexitvotetipp, der bei 51,5% pro Remain lag).

Update 3 (27.6.2016):

Das Handelsblatt versucht sich an einer Erklärung, warum die Buchmacher so weit daneben lagen:

Handelsblatt: Warum die Buchmacher so falsch lagen.

Diese Erklärungen finde ich aber nicht sonderlich überzeugend. Erstens berufen sich die Buchmacher darauf, dass sie Buchmacher sind und Geld verdienen wollen. Was aber auch klar ist und nicht erklärt, warum die Wetter (die machen ja den Markt, nicht der Buchmacher) so daneben lagen. Wir reden hier ja über Schwarmintelligenz (der Wetter) und nicht über Buchmacherintelligenz. Außerdem weisen die Buchmacher darauf hin, dass die Wettmärkte schon allein deshalb nicht repräsentativ sind, weil die ganz überwiegende Mehrheit der Wetter männlich sind. Die zweite "Erklärung" ist ein Hinweis, den ich auch auf Twitter schon verbreitet habe: Es gibt ziemlich viele, überwiegend kleine Wetten auf Brexit, dagegen aber relativ wenige, dafür aber welche mit viel Geld auf Bremain. Das widerlegt übrigens auch meine Theorie von oben, dass sich einige Leute abgesichert haben, denn wie oben schon angedeutet, ist es nicht der "kleine Mann", der sich absichert. Wenn sich Geschäftsleute absichern, würden sie das eher mit größeren Summen machen. Vielleicht könnte man daraus auch eine Erkenntnis ziehen: Wenn es um demokratische Entscheidungen geht, könnte es sinnvoll sein, die Anzahl der Wetten zu berücksichtigen. Also nicht nur die Quote zu nehmen (die sich ja aus der Gesamtsumme der Wetten auf beiden Seiten ergibt), sondern auch die Anzahl der Einzelwetten auf beiden Seiten. Leider kommt man an die letzte Zahl nicht zuverlässig heran. Zumindest kenne ich keine Quelle. Ihr vielleicht?


1 Kommentar :

  1. Es gibt natürlich deutlich mehr als eine Meinungsumfrage zu dem Thema. Wenn nun alle zu dem Ergebnis kämen, dass ein "Nein-Votum" wahrscheinlicher ist (wenn auch knapp), dann ist die Unsicherheit über den Wahlausgang unter Berücksichtigung aller Umfragen deutlich kleiner als die jeder einzelnen Umfrage. Einfach weil die Stichprobe größer ist.

    Ich denke nicht, dass das den gesamten Unterschied erklären kann; aber einen Teil potentiell schon.

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