DSW & TU München: DAX-Vorstände verdienen 2015 "nur" noch 50mal so viel wie Mitarbeiter

Toll nicht? 2014 waren es noch 54mal so viel. Der Trend zeigt in die richtige Richtung … Die Angestellten verdienen im Schnitt 4% mehr als 2014, die Vorstände verdienten im Schnitt 1,8% weniger (fixe Vergütung -1,4%; erfolgsabhängige -5%). Im Schnitt gab es 2015 3,341 Millionen Euro pro DAX-Vorstand; 2014 waren es noch 3,402 Millionen Euro. Das versteht man wohl unter "international wettbewerbsfähiger Vergütung".

Noch etwas vernünftiger scheinen die Vergütungen zu wirken, wenn man sie mit US-Werten vergleicht: Die CEOs der 30 Firmen, die im Dow Jones Index enthalten sind, bekamen 2015 im Schnitt 16,4 Millionen Euro.

Interessant ist es auch immer, die Vergütungsvielfache einzeln zu betrachten. Einige fordern ja, den Vorstandsvorsitzenden maximal das Dreißigfache des Durchschnittseinkommens zu zahlen. Diese Grenze halten nur die Commerzbank (27x), die Deutsche Bank (22x), die Deutsche Börse (24x), MunichRe (30x), ProSiebenSat1 (27x) und an der Spitze SAP (17x) ein. Nicht ganz zufällig liegt dieser niedrige Multiplikator aber mehr am hohen Durchschnittsgehalt von Bankern und ITlern als an der Bescheidenheit der Chefs. Deutsche Bank, Deutsche Börse und SAP sind die drei einzigen Firmen, in denen die Mitarbeiter im Schnitt mehr als 100.000 Euro pro Jahr verdienen.

Bis hierhin ein langweiliger Artikel, oder? Könnte glatt von der DPA sein ;)

Okay, ich hab da noch was für Euch ;) Das ist zwar nichts wirklich Neues, fällt im Zusammenhang solcher Veröffentlichungen immer und immer wieder unter den Tisch:

Die ganze Studie hinkt. Und zwar an einem großen Punkt: Die Pensionsansprüche der Vorstände sind NICHT einberechnet. Und diese Ansprüche sind saftig. Die Studie listet die Aufwendungen für Altersvorsorge auf. Es sind im Durchschnitt 682.000 Euro pro DAX-Vorstand. Dadurch erhöht sich der Faktor um 5 Punkte, wir sind also schon bei einem Faktor 55 statt 50 wie aus der Überschrift. Und ich vermute mal schwer, dass auch das nur die halbe Wahrheit ist (wenn überhaupt).

Nehmen wir z.B. mal Dieter Zetsche von Daimler. Er hat eine Pensionszusage von 4,1 Millionen Euro pro Jahr. Pensionseintrittsalter ist 60 (!!!). Der Aufwand für seine Pension, den die Studie nennt, liegt bei 1,044 Millionen Euro. Zetsche ist 63 Jahre alt. Eigentlich könnte er die Pension schon kassieren, spätestens nach Ende seiner Amtszeit wird er das aber tun. Schon beim schnellen Blick wird klar, dass die gut eine Millionen Euro, die Daimler im Jahr 2015 in Zetsches Pensionskasse eingezahlt hat, nicht ansatzweise ausreichen kann, um ihm 20 Jahre lang 4 Millionen auszuzahlen. Entweder hat Daimler also schon zu Beginn des Zetsche-Vertrags einen Haufen Geld in seine Kasse eingezahlt (er ist seit 1998 im Vorstand, seit 2006 Vorstandsvorsitzender), oder (und das ist wahrscheinlicher) Daimler zahlt auch die nächsten Jahre weiter für Zetsches Pension. Diese Summe taucht in der Vergütungsstatistik aber nie auf, weil er dann ja nicht mehr Vorstand ist. Ganz grob über den Daumen gepeilt: Wenn Zetsche 13 Jahre Vorstandsvorsitzender ist (2006-2019), hat er nach Sterbetafel durchschnittlich noch 16 Jahre zu leben. Um für diese 16 Jahre jeweils 4 Millionen pro Jahr auszahlen zu können, hätte Daimler über alle 13 Jahre Jahr etwa 4 Millionen zurücklegen müssen (Ich rechne das jetzt nicht versicherungsmathematisch durch, es geht mir nur darum, dass die eine Millionen (die in der Berechnung des Vielfachen aus der Studie nicht einmal drin ist) nicht im Ansatz die wahren Kosten für die Pension widerspiegelt). Dann hätte Zetsche 2015 also nicht 8,5 Mio. Euro, sondern 12,5 Millionen Euro oder mehr kassiert. Und sein Gehalts-Vielfaches zum Durchschnittsdaimlerianer läge nicht bei 57, sondern 80 oder 90.

Nun gut, eine solche Berechnung ist nicht ganz einfach, vor allem, weil man nie weiss, wie (genauer auf welchen Zeitraum) man die Pensionskosten umlegen soll. Man weiss ja am Anfang nicht, wie lange jemand Vorstandsvorsitzender bleibt. Wobei eine Verrechnung über den gesamten Zeitraum durchaus plausibel wäre. Dann würden die jährlichen Kosten sinken, je länger jemand an der Konzernspitze bleibt. Das wäre auch eine durchaus sinnvolle Darstellung, denn was die Pensionsansprüche angeht, kommt ein Vorstand über 15 Jahre das Unternehmen preiswerter als ein permanenter Wechsel alle drei Jahre. In den USA werden solche Pensionspakete oft (immer?) auf einen Schlag verbucht, was dann zu absurden Summen im ersten Jahr eines CEOs führt ("Apple Chef Cook verdient 74 Millionen Dollar"). Was aber eben auch in die Irre führt, diese Summe bekommt er nur einmalig am Anfang seiner Zeit und man müsste diese eigentlich über die gesamte Laufzeit des Vertrags verteilen (das machen die Medien aber auch nur in Ausnahmefällen).

Die oben genannte Neuberechnung des Gehaltsvielfachen muss man noch abschwächen, weil es keine Aussage dazu gibt, ob im durchschnittlichen Personalaufwand pro Mitarbeiter eventuelle Firmenpensionen berücksichtigt sind. Ich gehe eher nicht davon aus, weiss es aber auch nicht und habe auch keinen Hinweis dazu gefunden. Würde man diese berücksichtigen, würde das Vielfache wieder sinken. Man kann aber davon ausgehen, dass die Pensionsansprüche der Mitarbeiter niedriger sind: Erstens wird die Firmenpension für Mitarbeiter wohl kaum die Hälfte des aktuellen Gehalts ausmachen wie bei Zetsche, noch dürfte der Durchschnittsdaimlerianer diesen Anspruch ab einem Alter von 60 bekommen. Es würde mich sehr wundern, wenn das Gehaltsvielfache (im Fall von Daimler 57) ähnlich hoch bliebe, es dürfte eindeutig in Richtung des Vielfachen von 80 oder 90 (aus meiner Bierdeckel-Kalkulation) tendieren.

Und wenn ihr mal Frust schieben wollt: Allein das Pensionseintrittsalter in der Spalte ganz rechts dürfte ausreichen. Immer daran denken: Uns Normalsterblichen droht demnächst eine Rente ab 70



Aber ihr sollt nicht nur Frust schieben: Aus diesem kleinen Artikel sollt ihr euch merken, dass die Transparenz bei der Vergütung der DAX-Vorstände in Bezug auf die Pensionsansprüche mangelhaft ist. Und damit sind leider auch alle Studien, die auf diesem Zahlenmaterial aufbauen, mit extremer Vorsicht zu genießen. Zu große Teile der Kosten für die Altersvorsorge der Vorständen tauchen in den jährlichen Berichten leider nie auf.

Zum Thema noch ein Zitat aus einem älteren Spiegel-Artikel: "Pensionszusagen sind sehr beliebt, um Managern mehr Geld zuzuschanzen, ohne dass es auffällt". Mehr ist dazu kaum zu sagen …


Kommentare :

  1. Ist aber typisch für Situationen, wenn Gehälter künstlich begrenzt werden, durch extra hohe Steuern in den USA 50-60er Jahre, Lohnstopp im Deutschland der 30er oder Gehaltsgruppen in der DDR oder Sowjetunion, z.B. wenn die Betriebe trotzdem was bieten müssen, um an benötigtes Personal zu kommen, dann gibts Lohnzusatzleistungen, monetäre oder nichtmonetäre, von Firmenbooten für US-Manager bis zu Essensmarken für den Proletarier, der Einfallsreichtum ist da scheinbar unbegrenzt.

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    1. Stimmt natürlich, klassische Umgehungsstrategie.

      Nur: Wir haben keine Obergrenze. Zumindest keine gesetzliche, gaaaanz eventuell eine moralische …

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  2. ja und die kann durchaus relevant sein und wenn nur die PR Abteilung ins Schwitzen kommt, so leicht, wie man sich da rausmogeln kann, reicht selbst das.

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    1. Was mich wundert: Wieso muss das in der Bilanz nicht sofort und finanzmathematisch korrekt verbucht werden?

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Vielen Dank für Deinen Kommentar.

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