Mikro017 - Schöner Sterben mit Hedgefonds


Kurzer Hinweis vor dem Wochenende auf unsere aktuelle Podcast-Episode. Wieder mal knapp anderthalb Stunden lang (irgendwie schaffen wir die ursprünglich mal angestrebte Stunde nicht). Dieses Mal finde ich es aber voll in Ordnung, weil wir nicht lange ziellos rumlabern (nur ein wenig zum Ausklang am Ende), sondern ziemlich kompakt durch eine pickepackevolle Themenliste rauschen.

Der deutschen Bank wird vorgeworfen, 10 Milliarden Dollar aus Russland nach London transferiert zu haben. Wir versuchen zu ergründen, wie das genau ging. Eigentlich sollten solche Summen doch auffallen, vor allem wenn Moskau und London Hand in Hand arbeiten mussten. (Einer der Knaller an der Geschichte ist die Strafe, die in Moskau verhängt wurde …)

Zweitens (ebenfalls sehr schönes) Thema: Todesarbitrage mit Hedgefonds. Interessante Lücke in einem auf dem US-Markt gängigen Wertpapier. Bei diesen gab es eine höher als normal ausfallende Ausschüttung an einen zweiten (üblicherweise LebenspartnerIn), wenn der Besitzer verstirbt. Also quasi eine Kombination aus Wertpapier und Lebensversicherung. Und wenn man nun ausreichend viele Beschäftigte in Krankenhäusern kennt, kann man den unheilbar Kranken ein (unmoralisches?) Angebot machen …

Danach noch ein paar News: Ich zu Apples Steuernachzahlungen, Marco hat was zu Fonds und wir beide noch etwas Senf zu unserem Dauerthema Rocket Internet, wo es eine ziemlich dicke Abschreibung gab, die wohl gleich zwei Dickfische (im Rocket Internet Slang früher "Proven Winners" genannt) getroffen hat: Die Global Fashion Group (war zum Aufnahmezeitpunkt bekannt; Bewertung fast gedrittelt!) und Home 24 (Bewertung fast halbiert, sickerte nachher raus).

Zum Abschluss noch einen Überblick über das Hörerfeedback, am spannendsten dabei wohl der "Regiomat", mit dem Bauern ihre Waren direkt an den Endkunden verkaufen können, ohne Hofladen mit komischen Öffnungszeiten und ohne Personalkosten.

Mikro017 Schöner Sterben mit Hedgefonds

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Viel Spaß beim Hören! Wie immer sind wir gespannt auf Euer Feedback, Anregungen, Themenvorschläge.

Apples Steuerstrategie und die EU-Nachforderung - Und warum sich eigentlich die USA aufregen müssten …

Ok, Kurzbeschreibung dessen, was Apple gemacht hat.

Apple hat (scheinbar; Erläuterung folgt) hohe Gewinne in Europa eingefahren. Überschlagen so 120 Milliarden Euro von 2003-2014. Steuern gezahlt hat Apple auf diese Gewinne aber so gut wie keine. Grund: Die Gewinne sind fast komplett bei der irischen Tochter aufgeschlagen. Die Niederlassungen in den anderen europäischen Ländern haben kaum Gewinne erwirtschaftet. Über eine Steuersparkonstruktion, die so nur in Irland (mit Hilfe der Niederlande) möglich ist, wurden diese Gewinne quasi nicht besteuert. In Irland fallen zwar eh schon niedrige Steuern an (12,5%), zusätzlich kann man diese Steuern noch verringern, indem man das Geld über eine Lizenzvergabetochter in eine Steueroase "absaugt".

Die EU sieht das nun als unerlaubte Subvention und verlangt von Irland, die 13 Milliarden Euro zu wenig gezahlter Steuern von Apple zurückzufordern. Apple fühlt sich veräppelt (hehe), unter anderem weil die Forderungen bis 2003 zurückreichen. Und Irland möchte die Steuern auch nicht eintreiben, weil man das eigene Geschäftsmodell Steueroase gefährdet sieht.

Die Details sind nicht so wichtig (die habe ich auch schon mehrfach erläutert), es geht mir um etwas anderes.

Warum sind die Gewinne in Irland angefallen? Weil Apple das wollte. Und wie kann man das erreichen? iPhones werden zu festgelegten Preisen an die Apple-Läden verkauft. In diesem Fall war der Preis, den Apple Europe in Irland verlangt hat, hoch. Die Geräte gingen also für angenommene 500 Euro an den Apple Store nach Oberhausen. Dieser hat das Gerät für 600 Euro (+Umsatzsteuer) an mich weiter verkauft (ich Junkie, ich …). Apple Europe selber hat die Geräte für 200€ von der Apple Zentrale eingekauft. Die Apple Zentrale hat also kaum Geld verdient. Apple Irland jede Menge, der Apple Store Oberhausen als Händler wiederum fast nichts (er muss ja auch noch Personal, Miete, etc. bezahlen).

Warum akzeptieren die Steuerbehörden das? Im Fall der deutschen Steuerbehörden ganz einfach: Der Apple Store Oberhausen ist ein reiner Händler. Händler haben im Durchschnitt ziemlich niedrige Margen. Solange die Einkaufspreise für iPhones, die der Apple Store und sagen wir mal der Media Markt bezahlen, relativ ähnlich sind, kann das Finanzamt nichts machen (was auch richtig ist, das stimmt ja so alles).

Der Knackpunkt am Deal ist der Preis, zu dem Apple Irland die iPhones von der Zentrale einkauft. Hier könnte nämlich auch eine ganz andere Summe stehen. Und wenn Apple nicht will, dass viel Gewinn in Irland anfällt, könnte Apple ganz problemlos die iPhones aus der Apple Zentrale für 500 Euro an den Apple Store Oberhausen verkaufen. Dann wäre der Gewinn, der jetzt in Irland angefallen ist, in den USA entstanden. Und auch dort versteuert worden (wie hoch ist schwierig zu sagen, die USA haben mit Delaware praktischerweise eine Steueroase im eigenen Land). Aber wichtiger als Höhe des Steuersatzes ist die Feststellung, dass der eigentlich Beschissene in der Geschichte nicht Irland, Deutschland oder die EU sind, sondern die USA.

Denn bei einer normalen, natürlich Firmenkonstruktion landet der Hauptteil des Gewinns immer dort, wo der Sitz der Firma ist. Wenn BMW ein Auto in Italien verkauft, gehen die (angenommenen) 25% Marge auch nicht zur Hälfte an den Händler in Italien und zur anderen Hälfte nach München, sondern zu einem großen Teil nach München und nur zu einem Bruchteil nach Italien.

Wenn ihr jetzt das Gefühl habt, dass das internationale Steuersystem ziemlich kaputt ist, liegt ihr damit nicht ganz falsch …

Deutschland als Sitz vieler durchaus profitabler und auch exportorientierter Firmen bekommt bei einer solchen internationalen Steuerberechnung deutlich mehr Steuern ab als wenn man die Gewinne hälftig verteilen würde.

Danke an @DavidSchuppel, der mir die internationale Steuerberechnung gestern auf Twitter noch kurz bestätigt hat (damit ich hier keinen Mist erzähle).

Vielleicht kann man jetzt auch ein wenig nachvollziehen, warum sich Apple veräppelt fühlt. Apple muss jetzt Gewinne in Irland versteuern, die bei "normaler" Verrechnung nie in Irland angefallen wären. Klar, es ist leicht zu sagen: Pech gehabt. Ihr wolltet den Steuerzahler betuppen, dann geschieht euch das recht. Hättet ihr doch einfach in den USA die Steuern bezahlt. Allerdings zeichnet sich ein Staat auch dadurch aus, dass er verlässliche Steuergesetze macht. Und an diesem Grundsatz kratzt die EU gerade gewaltig.

P.S. Ich habe keine Ahnung, ob Apple bei einer normalen Steuerzahlung in den USA mehr Steuern gezahlt hätte. Wahrscheinlich schon, aber mit der Steueroase Delaware kann man auch komische Steuersparkonstruktionen bauen.

P.P.S.: Der Gedanke kommt von oditorium, der auf Twitter auch eine "On-the-Back-of-an-envelope"-Berechnung gemacht hat, die bei einer "natürlichen" Firmenkonstruktion angefallen wäre.

Die geht etwa so (habe die Zahlen etwas angepasst): Gewinn von Apple im Zeitraum, der von der Steuernachzahlung betroffen ist: Etwa 120 Milliarden Euro. Bei der Marge von Apple dürfte das einem Rohumsatz von etwa 200 Milliarden Euro in Europa entsprochen haben. Rechnen wir hier mit einer Marge von 5%, was eher großzügig für einen Händler ist (oditorium rechnet mit 2,5%), macht das 10 Milliarden Euro Gewinn in Europa (siehe oben, der Hauptteil des Gewinn fällt am Hauptsitz in den USA an; in diesem Fall 110 Milliarden Euro). Auf diese 10 Milliarden Euro Gewinn hätte Apple in Irland 12,5% Unternehmenssteuer bezahlen müssen. Macht 1,25 Milliarden Euro. Ziemlich weit weg von den 13 Milliarden (plus 4-6 Mrd. Euro Zinsen), die die EU jetzt haben will. In den USA wären dagegen wohl grob 30 Milliarden Euro Steuern angefallen (die es nun gar nicht gab; es sei denn, Apple holt das Geld aus den Steueroasen in die Heimat zurück, dann müssen die Steuern nämlich in den USA bezahlt werden).

Was bleibt: Die EU fordert 13 Milliarden Euro plus Zinsen, obwohl bei "natürlicher" Konstruktion kaum mehr als 1,25 Milliarden angefallen wären. Und die USA vermissen hingegen etwa 30 Milliarden Euro Steuern, die ihnen über die Steuersparkonstruktion entgangen sind.

Tja, alles nicht so einfach nicht … Schimpfen auf Apple ist leicht. Aber der Staat (v.a. Irland), hat dazu gehörig beigetragen.

Update (05.09.16):

Zwei Nachträge:

Die SZ stellt einen Vorschlag für ein gerechteres Steuersystem vor:
Wie ein gerechteres Steuersystem aussehen könnte.
Dieses basiert darauf, dass man die Verteilung der zu versteuernden Gewinne nicht vorrangig den Firmen überlässt, sondern diese nach Umsatzanteilen auf die Länder verteilt. Es könnten noch weitere Parameter wie die Mitarbeiterzahl zur Feinsteuerung hinzugefügt werden. Auf jeden Fall würden in der Konsequenz die Gewinne und damit auch die Steuern gleichmäßiger über die Länder verteilt. Verlierer bei einem solchen Vorgehen wären die Länder, die viele multinationale Konzerne mit hohen Exporten haben. Also auch Deutschland (Auto, Maschinen, …) oder die USA (Konsum, Pharma, Software, …).

Die FAZ hat die Steuersätze der deutschen Apple Stores recherchiert und (wenig überraschend) sind diese nicht sonderlich hoch.
So viel Steuern zahlen die deutschen Apple-Stores.

Kurzversion: Es gibt zwei Apple-Gesellschaften in Deutschland. Die Apple Stores selber erwirtschaften trotz mehr als 400 Millionen Euro Umsatz so gut wie keinen Gewinn und zahlen daher auch kaum Steuern. Profitabel hingegen ist die Apple GmbH, über die der Verkauf von iPhones, iPads, Macs, etc. abgewickelt wird (zumindest in Teilen). Diese hat bei gut 110 Millionen Euro Umsatz knapp 40 Millionen Euro Gewinn eingefahren und davon gut 12 Millionen Euro Steuern abgeführt. Diese Steuerquote von ungefähr 30% ist völlig im Rahmen dessen, was die Steuergesetze so vorsehen. Fasst man das alles zusammen, ist die Steuerquote von Apple Deutschland (gesamt) höher als das, was ich vermutet hätte. Ich hätte gedacht, dass Apple quasi nur den extrem margenarmen Handelsteil in Deutschland versteuert und den Rest über Irland abwickelt. Aber immerhin fallen für Teile des Handels durchaus signifikante Gewinne an und es werden auch Steuern gezahlt. Über alles gerechnet gibt es auf Umsätze von mehr als 500 Millionen Euro gut 51 Millionen Euro Gewinn (Marge etwa 10%) und darauf werden etwa 14 Millionen Euro Steuern bezahlt (Steuerquote 27,5%). Das ist definitiv nicht außergewöhnlich wenig. Gäbe es die Konstruktion mit Irland nicht und die Apple Stores Deutschland würden die Hardware direkt bei Apple USA einkaufen, wären die Steuereinnahmen in Deutschland wohl kaum höher.

Mikro 016 (und 015): Wirtschaft zum Hören. Mit Robo-Advisor-Kritik, Apple, und unser täglich Brot (Mehl), Milch und Bier. Und wie die Supermärkte Preiserhöhungen verstecken.

Dafür dass unsere Themenliste so kurz war, ist es mal wieder ganz schön lang geworden. Das angekündigte Deutsche Bank Thema mussten wir leider streichen, weil uns nicht 100%ig klar geworden ist, wie /genau/ die Deutsche Bank das Geld von Moskau nach London geschafft hat. Wurden die beiden Aktientransaktionen in Moskau (Kauf) und London (Verkauf) intern auf EIN Depot verbucht und darüber quasi die Aktien von Moskau nach London geschoben? Wenn das jemand weiss, freuen wir uns über einen Kommentar; uns wurde das weder im New Yorker Originalartikel, noch in der Manager Magazin Version klar.

Wir hatten aber auch so genug zu besprechen, kritisieren und zu erklären. Nachdem Marco die Gebührenstruktur und vor allem die Performancedarstellung des N26-Kooperationspartner Vaamo in einer älteren Folge schon kritisiert hat, habe ich einen anderen Robo-Advisor (einen automatisierten Depot-Vermögens-Verwalter gefunden, der mit einer Mindestanlage von NULL Euro und einer monatlichen Mindestsparrate von EINEM Euro an den Markt geht. Uns ist völlig unklar, wie sich das jemals (für den Anbieter) rechnen soll und wieso er solche garantiert unprofitablen Kunden umwirbt. Diese müssen schließlich alle anderen Kunden mitfinanzieren. So wird das nichts mit der Revolution der Anlageberatung, sage ich (obwohl ich das Produkt an sich mag), und Marco beschreibt, was er lieber hätte. Und daran zeigt sich, wer noch immer die Hauptkonkurrenz der Fintechs darstellt: Die Banken, auch wenn sie olle Dinosaurier sein mögen.

Dann gibt es noch gaaanz kurz (echt jetzt!) was zum Niedrigzins. Zu Markt und Milch und wie die Supermärkte und Lebensmittelhersteller versuchen, Preiserhöhungen zu verstecken. Und weil wir da schon bei Lebensmitteln waren, gibt es auch noch etwas zum Lebensmittel Nummer 1:  Bier … (Premiere!)

Und weil ich es unbedingt wollte, lasse ich mich noch etwas über der 13-Milliarden-Steuernachzahlung von Apple an Irland aus …

Dadrüben hören:
Mikro016 Eine wirkliche Revolution im Banking
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Und wenn's unbedingt sein muss, hier:



Kommentare aber bitte nur drüben, sonst zerfasert das.

Mikro 015 gab es natürlich auch, und wer nicht nur hier liest, sondern drüben abonniert hat (sagte ich schon, dass ihr das tun sollt?), hat das auch bestimmt schon lange weggehört …

Darin haben wir das Thema Negativzins auf Mikro 013 nochmal aufgegriffen (weil es Feedback gab), und Marco regt sich ein wenig über Unister und die Agenda 2010 auf oder besser, was einige Medien zu diesen Themen so schreiben.

--> Mikro015 Negatives Agendasetting beim Zins

Wir freuen uns wie immer über Feedback, Anmerkungen, iTunes-Kritiken, Kommentare, Weiterempfehlungen und nicht zuletzt über Themenvorschläge.
Und noch eine Frage: Nutzt jemand das Soundcloud-Player-Plugin hier oben auf der Seite oder können wir uns das klemmen (kostet nämlich)?

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