Wirtschaftsnobelpreis für Richard Thaler - Ein paar Podcasts und Links …


Gute Wahl, IMHO.

Die Behavioural Economics aka Verhaltensökonomie hat immerhin an einen Pfeiler der "Mainstream"-Ökonomie die Axt angelegt … Menschen sind bei vielen wirtschaftlichen Entscheidungen im Leben nicht rational, selbst wenn sie über alle Informationen verfügen (was ja auch nur selten der Fall ist). Der "homo oeconomicus" ist oft nur eine weltfremde Annahme, um die darauf basierende Modelle einfach zu halten. Ob die Modelle wohl noch was taugen, wenn die Grundannahme schon falsch ist?

Menschen verhalten sich nicht rational. Wenn sie es erst einmal was besessen haben, wollen sie es nicht wieder abgeben (auch wenn der finanzielle Verlust ausgeglichen würde). Wenn man Systeme als "Opt-In" statt "Opt-Out" gestaltet, sinken die Teilnahmequoten an Systeme (andersrum steigen sie): Organspender als "Opt-Out" (also man ist standardmäßig Organspender) führt zu Teilnahmequoten von 80, 90 oder noch mehr Prozent. Organspende-Systeme mit "Opt-In" liegen deutlich niedrig. Auch Aktienkurse ergeben sich nicht rein rational, Aktien mit positiver Performance bekommen mehr Aufmerksamkeit und werden mehr gekauft. Manchmal beeinflusst allein der Name Investmententscheidungen (Obama lockert Sanktionen gegenüber Kuba, ein Fonds mit dem Tickersymbol "CUBA" steigt).

Der umstrittenste Teil von Thalers Forschung ist das Nudging (den Begriff hat er geprägt, sein erstes Buch heißt so: Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt). Hierunter versteht man das "Anstupsen" von Menschen, um sie zu besserem Verhalten zu bringen … Und das mit einem "freundlichen" Stupsen, nicht mit einem Verbot. Hier startet gleich die Diskussion um die Wirkung ("sei doch wirkungslos") oder auch mit der gängigen Staatsskepsis ("der Staat soll mich nicht schuppsen"). Nur muss man an diesen Stellen auch dagegen fragen: Soll sich der Staat ganz raushalten? Oder soll der Staat gleich verbieten? Das betrifft solche Entscheidungen wie das Organspendesystem (siehe oben), aber auch der Altersvorsorge (Opt-In vs. Opt-Out). Oder auch Steuern oder Warnhinweise auf Tabak, Alkohol oder Zucker. Meine Meinung: Funktioniert manchmal, manchmal auch nicht. In vielen Fällen würde ich es erstmal mit Nudging probieren, bevor ich einfach verbiete.

Aber selbst wenn man dem Nudging grundsätzlich skeptisch gegenübersteht, den Nobelpreis gab es eh nicht dafür, sondern für die Grundlagenforschung.

Genug der Rede, ein paar Links:

Podcasts:

NPR: Predictably Unpredictable: Why We Don't Act Like We Should (25 Minuten) (Wenn man nur eines hört, dann den).

MiB: Richard Thaler on the Human Side of Economics (69 Minuten Podcast von Barry Ritholtz mit Richard Thaler)

Und ein sehr alter Podcast von 2006: Econtalk: Richard Thaler on Libertarian Paternalism (62 Minuten)

Freakonomics Podcast über eine spezielle Anwendung von Thalers Forschung: Fighting Poverty With Actual Evidence: A New Freakonomics Radio Podcast (39 Minuten): Frage: Ist es sinnvoll Menschen in Armut Geld zu geben (und sie selber entscheiden zu lassen) oder Menschen ein Investment zu geben (Kuh, Auto, Computer, …)

Artikel:

Und für alle, die immer noch nicht davon überzeugt ist, dass Podcasts besser sind als selber lesen ;) noch ein paar Artikel:

Von Tyler Cowen, inkl. Links auf gefühlte 32 Stunden weiterer Lektüre: Marginal Revolution: Nobel Prize awarded to Richard Thaler

Bloomberg (Von Barry Ritholtz): An Economics Heathen Wins the Economics Nobel

Bloomberg (von Michael Lewis): The Economist Who Realized How Crazy We Are

Und nochmal Tyler Cowen: Why Conservatives Should Celebrate Thaler's Nobel (interessante Perspektive, weil Nudging meistens als liberales Konzept begriffen wird).

Update (10.10.2017):

Wie zu erwarten war, trudeln noch eine Menge Links ein. Daher noch mal ein Update …

Als erstes muss ich die offizielle Erklärung zur Preisvergabe verlinken:

Press Release: The Prize in Economic Sciences 2017 - Integrating economics with psychology

Darin braucht man nur die drei Zwischenüberschriften zu lesen, um eine Idee zu bekommen, warum und wofür Thaler den Nobelpreis bekommen hat:

"Limited rationality", "Social preferences", "Lack of self-control". Und nur bei letzterem spielt "nudging" eine Rolle, aber interessanterweise nur als "may help people exercise better self-control". Vom Staat ist dabei nicht die Rede. Daher gehen IMHO viele der Kritiken an der Preisvergabe in die falsche Richtung, weil sie sich ausschließlich auf dieses Element beziehen: Nudging durch den Staat.

So zum Beispiel diese:

Welt: Ein Schubser vom Staat ist auch keine Lösung (einfach mal so postuliert. Wie man CO2 oder Alkoholverbrauch senken kann, ohne über Steuern zu "nudgen", bleibt unklar. Aber kritisieren ist halt einfacher als an Lösungen zu arbeiten, sprich zu forschen, was funktioniert und was nicht).

Ähnliche Kritik gilt auch an diesem Artikel in der Wiwo: Wiwo: Lass! Dich! verführen!, angepriesen durch diesen Tweet:

Zugegeben, der Artikel ist besser als der Tweet. Im wesentlichen wird die These vertreten, dass dem Nudging ein negativer Menschenbegriff zugrunde liegt, also in die Richtung "Der Mensch ist doof". An dem Argument ist was dran. Allerdings würde ich dieses Argument auch gerne konsequent durchdekliniert sehen, wenn es als Argument gegen das BGE demnächst wieder heißt, dass das bedingungslose Grundeinkommen nicht funktionieren kann, weil der Mensch faul sei (und aus diesem Grund auch hinter Hartz IV Zwang stehen müsse).

Die ganzen Zusammenhänge zwischen "Liberal" und "Bevormundung", zwischen "Freiwilligigkeit" und "Verbot" in der Politik und des Nudgings im speziellen dröselt dieser lange, durchaus anspruchsvolle Artikel in der NZZ gut auseinander:

Mir wären ein paar Artikel zur Vorstellung der Arbeit von Thaler lieber gewesen, dieser im Atlantic ist zum Beispiel gelungen:
The Atlantic: Richard Thaler Wins the Nobel in Economics For Killing Homo Economicus

Vielleicht lässt man Thaler einfach selber reden, die Bücher lesen sich gut, aber auch die Kolumnen-Beiträge in der New York Times machen Spaß, zum Start vielleicht diesen: NYT: Unless You Are Spock, Irrelevant Things Matter in Economic Behavior. Darin das schöne Beispiel der Altersvorsorge in Dänemark, wo Steuergutschriften und automatisches "Roll-In" zur Altersvorsorge verglichen wurden; Ergebnis: Steuergutschriften funktionieren nur sehr eingeschränkt, automatisches Roll-In hingegen bombastisch. Nett auch die Anekdote, warum es in seinen Klausuren 137 Punkte zu erreichen gibt und nicht 100 … (Auch die anderen Artikel sind voll mit solchen Anekdoten).

Man sieht schon, dass Nudging funktionieren kann, auch wenn es nicht immer funktioniert und das auch nicht verspricht. Aber es spricht nichts dagegen, damit weiter zu experimentieren, auch wenn es in der Politik ungerne gesehen wird, wenn man mit Experimenten scheitert, weil man in der Politik grundsätzlich nicht scheitern will. Muss man aber … Experimente funktionieren halt so (man schaue sich mal das BGE-Experiment in Finnland an: Einfach mal 5.000 Menschen ein BGE geben und schauen. Daten sammeln, analysieren und überlegen, ob ein BGE funktionieren kann, wie man es gestalten muss, etc. pp.)

Mein Lieblingsnudge für die Elektrfizierung des Straßenverkehrs wäre übrigens: E-Roller bekommen 60 km/h Höchstgeschwindigkeit (statt der aktuell üblichen 45 km/h; Bremsen müssen natürlich auch ausgelegt werden). Ende. Man nimmt keinem Verbrenner-Roller-Fahrer etwas, man muss nicht einen Cent in die Hand nehmen, man gibt nur dem Käufer des teureren E-Roller-Fahrers einen Zusatznutzen. Nudging funktioniert nicht? Der Staat kann nichts machen, ohne Leute zu bestrafen? I beg to differ🤘

Dann gibt es noch einige Kritik, die die Verhaltensökonomie grundsätzlich für "unwissenschaftlich" zu sehen (weil Psychologie auch unwissenschaftlich ist (durchaus was dran)) und keinerlei Aussagekraft zum Beispiel für Finanzkrisen zu sehen. Stimmt, aber darum geht es bei Verhaltensökonomie auch nicht. Es geht um Mikroökonomie, darum das Verhalten des Einzelnen zu erklären , nicht um Makroökonomie und Konjunkturzyklen von ganzen Volkswirtschaften. Irgendwann mag sich darauf eine Art "Grand Unifying Theory" ergeben, aber davon ist die Ökonomie noch viel weiter entfernt als die Physik. Auch scheint Einigen unklar zu sein, dass die Ökonomie immer noch zu den Sozialwissenschaften gehört, egal wie viel Mathematik normalerweise in die Modelle eingebaut wird. Auch ein Experiment, auch eine Beobachtung ist was wert, auch wenn zur Erklärung der Ergebnisse noch nicht in ein Modell gegossen werden kann. Manchmal gibt es Nobelpreise für eine Theorie, ein Modell, manchmal gibt es Nobelpreise für die Beobachtung ("Gravitationswellen"). Und manchmal gibt es halt auch Nobelpreise für den Nachweis, dass etwas NICHT so ist, wie zum Beispiel der Homo Oeconomicus …

Update 2 (15:31):

Noch ein netter Richard-Thaler-Zitate-Überblick von Patrick Bernau: FAZIT: Richard Thaler in Quotes, u.a. weil ich darin dieses Interview mit Thaler gefunden habe: Minneapolis Fed: Interview with Richard Thaler

Und für alle, die lieber ein Video mit Thaler sehen wollen (und denen Thalers Auftritt in The Big Short" (Ausschnitt) entgangen ist ;) ):



Und wer mal eine lange, fundierte Kritik (und Lob) lesen möchte: A fine theorem: The 2017 Nobel: Richard Thaler.
Und zum Schluss noch eine Würdigung von einem, der versucht Behavioural Economics auch in die Makroökonomik einzubauen: Roger Farmer: And the 2017 Economics Nobel Prize goes to ...

Das war's jetzt aber endgültig. Voraussichtlich. Hab ja nie behauptet, rational zu sein …

Okay, hier noch ein langer Artikel von "Plurale Ökonomie": Behavioral Economics. Und wem das noch nicht reicht: Am Ende des Artikels gibt es Links auf (Online)-Kurse, in denen man das Thema noch weiter vertiefen kann.

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