Schaden durch Pokémon Go bei 2 bis 7,3 Milliarden Dollar für die USA? Fast 30.000 Verletzte? 256 Tote?


Interessantes Paper von Mara Faccio und John J. McConnell, beide an der Krannert School of Management an der Purdue University.

Die beiden Wissenschaftler haben versucht, die Auswirkungen von Pokémon Go auf Verkehrsunfälle zu berechnen (und auch in ökonomischen Schaden umzurechnen).

Errechnet haben Faccio und McConnell den Anstieg über Unfälle an Kreuzungen. Dazu wurden Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt: Die PokéStops (an denen ich kämpfen bzw. sammeln kann) kamen aus Pokémon Maps, die Unfälle (Ort, Schaden, Ursache, Anzahl Verletzte bzw. Tote) aus den Unfallberichten der Polizei (vor und nach dem Launch von Pokémon Go) und die Kreuzungen aus OpenStreetMap. Dann haben sich die Autoren angeschaut, wie sich die Unfallzahlen an den Kreuzungen in der Nähe eines PokéStops und wie an Kreuzungen weit entfernt von einem PokéStop in den beiden Zeiträumen entwickelt haben. In den Nähe eines PokéStops stiegen die Unfälle nach dem Launch von Pokémon Go pro Kreuzung von 0,005989 auf 0,007667 pro Tag (+0,001678 oder +28%), weiter entfernt nur von 0,002015 auf 0,002155 (+0,00014 oder +6,9%).

Neben dem deutlich überproportionalen Anstieg fällt auf, dass PokéStops oft in der Nähe von schon immer unfallträchtigen (weil wahrscheinlich belebten, verkehrsreichen Kreuzungen) liegen. Man mag einwenden, dass das unter Umständen verfälscht, allerdings sind die beiden Wissenschaftler anscheinend ziemlich ordentlich vorgegangen. Ich will kurz beschreiben, wie:

Faccio und McConnell haben unter anderem versucht, den Einfluss der Semesterferien an der Uni Purdue herauszurechnen, die in die 148 Tage des Zeitraums nach Einführung von Pokémon Go fielen.
Auch wurden PokéStops, in deren Nähe man während des Autofahrens spielen kann (weil man nur Gegenstände einsammelt), und PokéStops (sogenannte "Gyms"), in deren Nähe man während des Autofahrens de fakto nicht spielen kann (weil man kämpfen muss; das dauert schlicht zu lange), gesondert untersucht. Es zeigt sich: Die Unfallzahlen in der Nähe der "Gyms" stiegen viel weniger stark; es scheint also wirklich an den Stellen zu hängen, wo man während des Autofahrens Pokémon Go spielen kann.
Auch ein anderer Check zeigt in die richtige Richtung: Wenn man die Monate einzeln analysiert, passt die Zahl der zusätzlichen Unfälle durch Pokémon Go ganz gut zu den offiziell bekanntgegebenen Nutzungszahlen des Spielebetreibers Niantic; stärkster Anstieg von im Juli, dann wieder leicht sinkend).
Sogar über den Einfluss von Tag und Nacht haben sich die Verfasser Gedanken gemacht.
Sie haben auch den Umkreis um den PokéStop variiert: Statt ein 100-Meter-Kreis (in dem man spielen kann) wurde ein "Ring" von 100 bis 500 Metern um den PokéStop (was definitiv zu weit weg ist) untersucht: Damit sollte man die Änderung der Verkehrsdichte in dieser "Ecke" der Stadt erfasst haben, aber Pokémon während der Fahrt spielbar vs. nicht spielbar drin haben: Es zeigt sich: gleiches Ergebnis wie in der Gesamtstudie.
Ebenfalls stabil bleiben die Korrelationen, wenn Unfälle mit Fußgängern aus den Daten genommen werden.
Kurz: Die ganze Studie scheint methodisch sauber und robust zu sein (wer zweifelt, kann sich die oben nur kurz angerissenen "Robustheits-Checks" in Kapitel 5 der Studie en detail anschauen).

Was errechnet sich für Tippecanoe County, Indiana? Fast 47% der 286 zusätzlichen Unfälle im Zeitraum der 148 Tage 2016 gehen auf Pokémon Go zurück. Dadurch entstand ein zusätzlicher materieller Schaden von 498.567 Dollar (+22%) (Zahl direkt aus den Polizeiberichten), es gab 31 zusätzliche Verletzte (25% mehr --> 988.621 Dollar Schaden) und 2 Tote zusätzlich (3,8 Millionen Dollar "Schaden"; ich will jetzt eigentlich nicht diskutieren, ob ein Menschenleben mit 1,9 Millionen Dollar Schaden "sinnvoll" bewertet ist; irgendeine Zahl muss man annehmen, wenn man den Schaden in Geld umrechnen will; wer sich für die Details interessiert, kann Seite 24 und 25 der Studie lesen. Man kann problemlos auf deutlich höhere Zahlen von 6,9-13,8 Millionen Dollar pro Todesfall kommen). Frage ist eher, ob man das überhaupt machen muss oder ob nicht allein die Aussage "2 Tote zusätzlich" reicht …)

Auch wenn die Datenbasis der Studie relativ klein ist (Nur 148 Tage (6. Juli 2016 - 30. November 2016), nur 930 PokéStops), schreit das Ergebnis aus Tippecanoe County, Indiana danach, es auf die ganze USA hochzurechnen. Diese haben die Autoren aber nicht mehr so detailliert abgeleitet wie im Tippecanoe County, sondern sie haben einfach den Anstieg der Unfallzahlen und der entsprechenden materiellen Schäden (+25%), der Zahl der Verletzten (+22%) und Toten auf die gesamte USA hochgerechnet. Die Gesamtzahl für die USA ist ja bekannt, der Anstieg ist bekannt und davon lassen sich die absoluten Zahlen errechnen: So kommt man landesweit auf zusätzlich 29.370 Verletzte und 256 zusätzliche Tote innerhalb des Zeitraums von 148 Tagen, die auf Pokémon Go zurückzuführen sind. Der Gesamtschaden (inkl. des relativ überschaubaren Anteils an harten materiellen Schäden) läge somit bei 2 bis 7,3 Milliarden Dollar, natürlich stark davon abhängig, wie man den Schaden von Verletzten und vor allem von Toten in Geldbeträge überführt.

Übrigens, auch den Schaden für alle haben die Autoren versucht zu errechnen: Die höhere Anzahl der Unfälle verteuert nämlich die Autoversicherung und zwar um geschätzte 9,86 Dollar pro Jahr …

Die Studie: DEATH BY POKÉMON GO (PDF) oder Web:

Auf jeden Fall eine interessante Studie; mal schauen, wie robust sie ist, wenn sie von anderen Wissenschaftlern kritisch unter die Lupe genommen wird.

P.S. Ich sollte hinzufügen, dass man die Zahlen nicht auf längere Zeiträume hochrechnen kann. Erstens hat Niantic eine Funktion nachgeliefert, die die Nutzung der App ab einer gewissen Geschwindigkeit (Fahrrad klappt noch, Auto ist zu schnell) verhindert, zweitens sind die Nutzerzahlen doch um einiges gesunken (wenn auch durchaus noch relevant)

Update (28.11.17):

Die FAZ hat die Studie auch, erklärt mehr was Pokémon Go ist (was ich natürlich voraussetze, meine Leser sind ja nicht 75 …), und fragt sich weniger, ob die Studie Hand und Fuß hat. Dafür aber viel besser zu lesen als mein Geschreibsel: Wie tödlich ist Pokémon Go?

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