Jemand hat die Diät/Medien-Industrie geprankt. Grandios.

Ich streue ja schon seit einiger Zeit einige Rants über diese ganzen Diät- und Gesund-durch-Ernährungs-Heinis ein. Wobei ich nicht sagen möchte, dass es kein gesundes und ungesundes Essen gibt. Natürlich soll man nicht literweise Cola, Kaffee und Alkohol trinken und Berge frittierter Sachen und Süßigkram essen. Nur hinter Versprechen wie "Iss diese Beeren oder dieses Gemüse, dann wirst du gesund" sind hirnrissig. Es mag ja wirklich sein, dass es so eine Wunderernährung gibt, nur gibt es quasi keine Möglichkeit, das in einem seriösen Versuchsaufbau (der wissenschaftlichen Kriterien standhält) herauszufinden bzw. nachzuweisen. Dazu fehlt allein schon das Geld für einen großen Versuchsaufbau mit ausreichend vielen Teilnehmern. Wobei selbst dann noch fraglich ist, ob man Ernährung überhaupt sinnvoll erfassen kann. Halten sich die Versuchsteilnehmer an die Ernährungshinweise oder essen sie doch heimlich etwas Verbotenes? Protokollieren sie den Versuch richtig? Ändern sich nicht während des Versuchs zig der anderen Parameter für Gesundheit (mehr/weniger Bewegung, ...).

In der Praxis führt das dazu, dass es unfassbare viele schlechte bis gruslige Studien gibt, die trotz viel zu geringer Teilnehmerzahl und zu unsicherer Ergebnisse von den Medien gierig aufgegriffen werden. Es vergeht quasi kein Tag, an dem nicht irgendein "Salz ist gut, Salz ist schlecht. Süßstoff ist gut, Süßstoff ist schlecht. Brokkoli macht dich gesund."-Artikel in der Zeitung steht. Und wenn man in den Zeitschriftenmarkt schaut, gibt es eine Menge Frauen- und zunehmend Männermagazine, die scheinbar zur Gänze aus Artikeln bestehen, die aus solchen substanzlosen Studien zwei Seiten-Artikeln machen ... Und dabei natürlich jede Recherche über die Hintergründe (z. B. zu den Geldgebern der Studie) unterlassen. (Empfehle zur Finanzierproblematik z.B. das hier: The Scotsman: Sweet firms’ links to nutrition studies probed; tl;dr: 250.000 Pfund von Nestlé, Coca-Cola, Mars, etc. für "Ernährungswissenschaftler", die u.a. die Regierung beraten)).

Ich verweise dazu auch auf zwei ältere Postings von mir:

Schöner Artikel über Korrelation und wie wenig daraus zu lernen ist.

Scott Adams: Vergesst alles, was ihr über Ernährung und Gesundheit wisst

Nun hat jemand die grandiose Idee gehabt, aus genau diesen ganzen Kritikpunkten einen Medien-Prank zu machen.

Man hat sich also einen Studienaufbau ausgedacht. Man nehme ein paar Versuchsteilnehmer, eine potenziell schlagzeilenkompatible Idee ("Dunkle Schokolade ist gesund") und ein paar Parameter, die man beobachtet. Dann teilt man die Versuchsteilnehmer in die üblichen Gruppen ein. Eine bekommt Schokolade, die andere nicht. Dann beobachtet man für ein paar Wochen (länger hält es ja eh keiner ohne Schoko aus ;) ) und dann gibt es irgendein Ergebnis.

Dass es ein Ergebnis geben wird, ist nahezu sicher, wenn man ausreichend viele Parameter beobachtet. Denn je mehr Parameter man beobachtet, desto eher wird irgendein Parameter anschlagen. Erhöhen kann man die Wahrscheinlichkeit für einen signifikanten Ausschlag, indem man die Anzahl der Teilnehmer nicht zu hoch macht; so ergibt es irgendwo einen Zufallstreffer. Außerdem wichtig, dass man keine saubere Bereinigung der Daten macht, also z.B. nach Geschlecht und Alter bereinigt. Da kann es schon zu einem Zufallsergebnis kommen, weil in einer Gruppe 60% Frauen sind und in der anderen 40% ... Oder die eine Gruppe im Schnitt 55 und die andere 40 ist.

Im Fall der "dunklen-Schokolade-Studie" war es nun so, dass ein Parameter ein Ergebnis lieferte und sogar ein statistisch signifikantes: Die Gruppe, die mehr dunkle Schokolade gegessen hat, nahm schneller ab. Wohlgemerkt nicht "mehr abgenommen", nur am Anfang schneller. Das ganze klug und prägnant formuliert und raus mit der Pressemitteilung.

(Kleine Nebenbemerkung: Statistisch signifikant bedeutet, dass die Zahlenauswertung ein Ergebnis bringt, das so eindeutig ist, dass Zufall ausgeschlossen werden kann. Das Problem dabei ist aber, dass diese "statistische Signifikanz" für das Gesamtergebnis nur ein Teil der Grundlage darstellt. Wenn die erste Stufe, nämlich die Erhebung der Zahlen nichts taugt, hilft auch eine saubere statistische Aufbereitung nichts. Dazu braucht man beides: Einen sinnvollen Versuchsaufbau (inklusive Messung) und die korrekte statistische Aufbereitung. Sobald in einem der beiden Teile schlampig gearbeitet wird, ist die ganze Studie Müll (Das was ich hier über Ernährung schreibe, gilt übrigens im Bereich der Ökonomie leider auch oft genug)).

Den Medien sind solche Überlegungen natürlich total fremd. Die "Mit-dunkler-Schoko-nimmt-man-schneller-ab"-Studie war einfach zu geil. Das bringen dann alle Medien und kein Journalist fragt mal nach und stellt die essentiellen Fragen (Wie viele Leute haben teilgenommen? Wer hat die Studie durchgeführt (haben die Erfahrung?)) oder zieht einen Experten zurate, der Ahnung hat (dann wäre zum Beispiel aufgefallen, dass das Institut, das die Studie durchgeführt hat, aus kaum mehr als einer Website bestand ...). Okay, die "Forschungskonkurrenz" zu fragen, wäre für die Medien klare Planübererfüllung gewesen, die meisten haben nicht einmal den Studienersteller kontaktiert ... Bloß keine geile Geschichte totrecherchieren ...

Bild brachte als erstes Medium mit signifikanter Reichweite die Story (sogar auf Seite 1). Damit war die Basis für eine weltweite Verteilung der Nachricht gelegt ... Die Geschichte kam danach wirklich nahezu überall.

Der ganze Prank hier schön aufgeschrieben:

I Fooled Millions Into Thinking Chocolate Helps Weight Loss. Here's How.

Ansonsten gilt weiterhin: Haltet Euch von Ernährungs- und Diätquatsch fern und haltet Euch an

“Eat Food, not too much, mostly plants”.

Mehr gibt es bei der Ernährung nicht zu beachten. Der wichtigste Teil fehlt eh noch: Bewegt Euch. Treppen statt Aufzug. Zu Fuß zum Bäcker/Briefkasten. Dann wird es schon.

Zum Schluss noch drei Links (neben dem Scotsman-Artikel oben), die ich schon lange zu Artikeln machen wollte, aber hier jetzt mal einfach verbrate, damit sie nicht ewig in der Schleife rumeiern, und weil sie passen:

Kein Hinweis auf heilende Wirkung: Die Legende vom gesunden Alkohol - Medizin - Technik - Handelsblatt (das solltet ihr natürlich ignorieren, denn kein Alk ist auch keine Lösung ;) )

Und noch spannender:

The Conversation: We’re so indoctrinated that saturated fat is bad that we don’t listen to the science

Nicht einmal der Zusammenhang zwischen der Einnahme von ungesättigtem Fett und Herzinfarkten scheint noch haltbar. Auch ist der langfristige Trend von Fettaufnahme und Übergewicht keiner, der als Beweis gilt. Denn der Anteil von Fett an der Nahrung ist in den letzten 40 Jahren gesunken, das Übergewicht dennoch immer schlimmer geworden. Es scheint eher so, als sei das Mehr an Kalorien viel entscheidender für die Zunahme von Übergewicht als die Zusammensetzung der Kalorien.

Ähnlich ist es inzwischen bei Cholesterin. Hier schlagen die Wissenschaftler, die die US-Gesundheitsbehörde beraten, inzwischen sogar vor, die Warnung vor Cholesterin aus den Ernährungsrichtlinien (die noch 2015 aktualisiert werden) komplett zu streichen. Auch die Warnung vor zu viel Zucker könnte unter Umständen kippen, zumindest wird die Warnung vor Zucker wohl überarbeitet. Es wird nicht mehr vor Zucker gewarnt, sondern vor "hinzugefügtem" Zucker. Und es wird geraten, den Zucker nicht durch Süßstoff zu ersetzen, sondern das zuckerhaltige Getränk (Cola, Limonade) durch Wasser zu ersetzen. Im Extremfall könnte es sein, dass die 2015er-US-Ernährungsrichtlinien aus nichts anderem mehr bestehen als "nicht zu viel Salz und maximal x Kalorien. Und jedes weitere Detail (wie viel Zucker, wie viel Fett, wie viel gesättigtes Fett, wie viel Cholesterin, ...) weggelassen wird. Ok, es ist unwahrscheinlich, dass es so radikal wird; wahrscheinlicher ist: Nur 2.300 mg Natrium (etwa 6 Gramm Salz) pro Tag, maximal 10% der Kalorien aus "added sugar" und maximal 10% der Kalorien aus gesättigten Fettsäuren: Scientific Report of the 2015 Dietary Guidelines Advisory Committee

(Die Cholesterin-Warnung ist übrigens nahezu sicher raus. Mich würde übrigens interessieren, wie lange die Pharmaindustrie, die Milliarden mit Cholesterinsenkern verdient, dagegen gearbeitet hat. Es ist für den Verkauf der Medikamente natürlich hilfreich, wenn Cholesterin generell als gefährlich gilt. Auch wenn zugegebenermaßen zwischen Essen von Cholesterin und Cholesterin im Blut ein großer Unterschied ist; eventuell verkaufen sich die Medikamente genau so gut wie früher ...).

Auch wenn ihr mit Sicherheit in Zukunft in den Medien permanent mit "x essen ist gesund, y essen ist schlecht" genervt werdet: Vergesst es. Achtet auf die Anzahl der Kalorien, auf die Art des Essens (frisch, natürlich) und auf Bewegung. That's it. Sich den Kopf über den Rest zu zerbrechen, hat nur einen extrem zweifelhaften Zusatznutzen.

Update (15:46):

Jetzt auch in der FAZ: Bittere Schokoladenerkenntnis.


Update 2 (20:08):

Sehr gut in Spektrum.de über die grundsätzlichen Probleme der Ernährungsstudien. Es ist dort kaum was nachzuweisen, weil Ernährung kein wichtiger Faktor für die Gesundheit ist. Also zumindest so lange man sich halbwegs vernünftig ernährt. Dann irgendwelche "Wundernahrungsmittel" reißen es mit Garantie nicht raus ...

Meinung: Essen ohne gutes Gewissen

Ein paar Gedanken zum Mann, der alleine aus seinem Keller heraus den Dow um 1.000 Punkte nach unten gejagt haben soll.

Die Story riecht komisch, sehr komisch ... 6% (oder so) Kurseinbruch beim S&P 500, ausgelöst von einem einzigen Trader? Ein (wenn auch nur temporärer) Markteinbruch mit einem Volumen von 600 oder 700 Milliarden Dollar?

Dieser Artikel eiert schon ein paar Tage in der Queue und obwohl sich die Zweifel an der Theorie schon etwas verbreitet haben, schaffen sie es doch - wenn überhaupt - nur an das Ende eines Artikels wie z.B. in der FAZ: Der Mann, der die Wall Street in die Knie zwang. Leider dürfte bei vielen Menschen eher die Überschrift in den Köpfen bleiben und nicht die Zweifel an der Einzeltäter-These. Auch wenn diese mMn ziemlich unplausibel ist.

Zuerst ein kleiner Vorabeinschub: Man sollte aufhören von einem Schaden von mehreren Hundert Milliarden Dollar zu sprechen, denn der Kurseinbruch wurde relativ schnell wieder ausgebügelt.

Zweitens: Kann ein einzelner Trader aus seinem Keller wirklich Marktschwankungen in der entsprechenden Größe auslösen? Was wäre wohl los, wenn der Iran, China oder der SchurkenstaatDesTages™ einen solchen Angriff gegen eine Weltbörse fährt? Was sagt uns das über die "Stabilität der Finanzmärkte"?

Drittes: Warum brauchen die Behörden 5 Jahre, um dem Verursacher "auf die Schliche" zu kommen und kann diesen "plötzlich" präsentieren (auch wenn eine frühere Untersuchung keinen einzelnen Schuldigen finden konnte)?

Bloomberg: How a Mystery Trader With an Algorithm May Have Caused the Flash Crash

Das ist die gängige Darstellung, die aber komisch riecht ... Ich erinnere mich noch sehr genau, dass schon kurz nach dem Flashcrash Tweets eines Accounts herumgereicht wurden und zwar von diesem:

nanexllc

Dort wurde bereits damals erklärt, wie der Flash-Crash mutmaßlich ausgelöst wurde. Das Ganze gibt es sogar als Animation (kann man ruhig 5 Minuten vorspulen, in diesen passiert noch nicht viel):



Die Orders des Traders (Mr. Sarao, 36 Jahre alt, London), der jetzt angeklagt wird, wurden schon damals rot markiert; sie waren also bekannt. In der Animation sieht man vor allem schön, dass der Algorithmus seine Aktivität offenbar schon eingestellt hatte als der Flash-Crash richtig los ging. Wenn Sarao überhaupt verantwortlich war, dann vielleicht für die ersten 10 Punkte des Rückgangs, die restlichen 50 oder 60 Punkte fanden nahezu komplett ohne ihn statt.

Um an diese Daten zu kommen brauchen die Behörden 5 Jahre?!? Das stand doch schon auf Twitter ... Und dann ignorieren die Behörden noch das "Detail", dass der Algorithmus während der Hochphase des Crashs an der Seitenlinie stand?

Ein gute Zusammenfassung dieser Fragen gibt es von Michael Lewis (Autor von Flash Boys", eines der besten Bücher über High Frequency Trading) bei Bloomberg: Crash Boys.

Noch seltsamer wird die Geschichte, wenn man sich das Vorgehen anschaut. Denn das, was der Londoner HFT-Trader gemacht hat, ist im High-Frequency-Trading ZIEMLICH normal. Man versucht entweder mit seinen eigenen Orders schneller zu sein als die anderen (in diesem Zusammenhang gibt es immer wieder Vorwürfe gegen große Banken und Broker, sie würden dieses Spiel spielen, weil sie die großen Kundenorders kennen und das über HFT "vorkaufen") oder man versucht die Gegenseite mit Scheinorders zu verwirren. Man platziert also große Kauf- und Verkaufsorders und täuscht so große Käufe bzw. Verkäufe an. Das soll dann andere Händler dazu bringen, dieser Order vorauszueilen. Diese sollen also auf den per Order "angekündigten" Zug aufspringen. Nur ist der Zug gar keiner, sondern nur eine Fata Morgana, die sich auflöst, sobald der Kurs sich dem Limit nähert. Genau das hat der nun festgesetzte High-Frequency-Trader gemacht und zwar in ziemlich großem Stil. Teilweise soll er für 40% der Volumens in einem speziellen Kontrakt auf den US-Aktienindexes S&P 500 verantwortlich gewesen sein. Auch wenn er damit weit davon entfernt war, 40% des Gesamtmarkts zu beeinflussen, sprangen wohl weitere Algorithmen auf seine Orders an. In bestimmten Marktsituationen konnte er also auf "Verstärker" hoffen, die weitere Trades in die gleiche Richtung starteten. Damit verstärkte sich der Prozess und es konnte zu dem Einbruch kommen. Es ist in diesem Zusammenhang SEHR unwahrscheinlich, dass der Trading-Algorithmus des jetzt verhafteten Traders der einzige war, der innerhalb der breiten Grauzone zwischen "gut" und "böse" agierte. Da dürften einige namhafte Akteure den Preis deutlich mehr beeinflusst haben als der "lonely trader". (Zugegeben: es gibt eine Menge Leute, die das gesamte High-Frequency-Trading in der Grauzone sehen und zwar auf der Skala ganz nahe an "böse" ... Dann müsste man aber auch die Goldman Sachsen und einen Haufen anderer Trader mit in den Knast werfen und nicht nur einen).

The 'Flash crash' trader's alleged fraud is a common market occurrence

Unabhängig von der Frage, wo man die Aktivitäten auf der Skala von "unethisch, aber noch legal" bis "illegal" einordnet, bleibt auch die Frage, ob die Aktivitäten eines einzelnen Traders relevant sein können, umstritten. Einer der Ermittler aus dem ersten Ermittlungsverfahren Andrei Kirilenko, dem auch alle Daten vorlagen, spricht ganz klar davon, dass Saraos Volumen "statistisch nicht signifikant" waren. Kurz: Saraos Trades (bzw. Limits) können eigentlich nicht der Auslöser gewesen sein. Es müssen noch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben. Seien es andere HFT-Trader, sei es eine generelle Instabilität des Marktes.

Flash Crash - Investigators Likely Missed Clues

Das Ganze sieht ziemlich nach "die Großen lässt man laufen, die Kleinen hängt man" aus. Oder nach "wir müssen endlich mal Ergebnisse liefern. Lass uns mal jemanden verhaften". Und da wählt am besten jemanden, der keine bestens ausgebildete Rechtsabteilung im Rücken hat. Und auch jemanden, bei dem man an die Daten kommt und nicht einen wie Goldman Sachs, der in ähnlichen Verfahren schon mal seine eigenen Aufzeichnungen "verloren" hat ...

Man kann die jetzt erzählte Geschichte eigentlich kaum glauben ... Die Geschichte, die die Ermittlungsbehörden präsentieren, ist ziemlich unplausibel. Will man hier einfach nur ein (überfälliges) Ergebnis präsentieren, hat aber nicht den Mut, die großen Spieler anzugreifen? Oder will man von den eigentlichen Problemen ablenken, also z.B. davon, dass das gesamte High-Frequency-Trading (inklusive des nicht strafbaren Teils) Probleme verursacht und die Finanzmärkte zunehmend instabiler macht?

P.S.: Ich will die Aktivitäten von Sarao (oder ihn selber) nicht in Schutz nehmen. Verkaufslimits in den Markt zu legen, die man nie ausführen möchte, ist schon manipulativ. Nur war Sarao nicht der Einzige, der so vorgegangen ist. Und er war wohl auch nicht - zumindest nicht alleine - der Auslöser für den Flash-Crash, der ihm jetzt vorgeworfen wird.

P.P.S.: Wenn du den Markt manipulieren willst, dann manipuliere nach oben. Dafür verklagt dich niemand ...


Update (17:03):

Übrigens wäre der Handel mit nur vorgetäuschten Orders sehr schnell einzudämmen. Man müsste das Stornieren nicht einmal verbieten, sondern das Storno "nur" zeitlich leicht verzögern. Das Storno eines Limits würde dann nicht wie unlimitierte Orders sofort wirken, sondern mit einer Sekunde Verzögerung. Damit wäre jeder Hochfrequenzhandel mit "Fake-Orders" tot, weil das Risiko in dieser Sekunde über den Tisch gezogen zu werden zu groß würde. Man ist mit einem Storno quasi eine Sekunde handlungsunfähig, in den Systemen des Hochfrequenzhandels ist das eine Ewigkeit ...

USA: Arbeitslosenquote 02/15: 5,5% (-0,2 Vm, -1,1 Vj), 295.000 neue Jobs. Aber dicke NILF Umbuchung.

Hier (nach der Kurzversion im Januar) mein gewohnter US-Arbeitsmarktbericht:

Für den Februar 2015 veröffentlichte das Bureau of Labor Statistics einen Arbeitsmarktbericht, der unter der Oberfläche nicht so aussieht, wie es die beiden wichtigen Zahlen (die beide gut ausfielen) nahelegen. Die wichtige Zahl aus dem ersten Teil (Arbeitslosenquote aus der Household-Data) verbesserte sich nur durch eine kräftige Umbuchung in die NILFs (not in labor force). Der zweite Teil hingegen fiel durch die Korrekturen der Vormonate sogar noch besser als die wichtige Zahl (Anzahl neuer Arbeitsplätze) andeutet.

Zu den offiziellen Zahlen des Februar 2015:

Household Data, per Umfrage erhoben:

Anzahl der Arbeitslosen: -274.000 auf 8,705 Millionen,
Anzahl der Arbeitenden: +96.000 auf 148,297 Millionen

--> Arbeitslosenquote: 5,5% (-0,2 zum Vormonat; -1,2 zum Vorjahresmonat). Der positive Trend auf Jahresbasis ist weiterhin klar und in vollem Umfang intakt.

Nur relativ wenige neue Arbeitsplätze, dagegen ein deutlicher Rückgang der Zahl der Arbeitslosen. Wenn man weiss, dass die Bevölkerung in den USA wächst, ahnt man schon Böses ... Die gesunkene Arbeitslosenquote und die zurückgehende Zahl der Arbeitslosen ging nämlich nur auf die NILF-Zahl ("not in labor force", suchen keinen Job mehr, aus welchen Gründen auch immer) zurück: 354.000 AmerikanerInnen wurden zusätzlich in die NILF-Schublade umgebucht. Ohne diese Umbuchung wäre sowohl die Anzahl der Arbeitslosen als auch die Arbeitslosenquote gestiegen.

Schwenken wir rüber zur Erwerbstätigenquote (Anzahl Arbeitskräfte gesehen auf die Gesamtbevölkerung), die immer ein guter Check für die Arbeitslosenquote ist. Diese zeigte dann auch keine Verbesserung und blieb im Monatsvergleich unverändert bei 59,3%, was 0,5 Punkte mehr sind als vor einem Jahr. Damit löst sich die Erwerbstätigenquote langsam langsam aber sicher vom Rekordtief von 58,2% aus dem Oktober 2013; der aktuelle Wert bleibt der beste seit August 2009. Die Erholung bleibt in letzter Zeit aber verhalten, seit August kamen nur noch magere 0,3 Prozentpunkte hinzu.

Im Spätsommer hatte ich darauf hingewiesen, dass sich damals die Arbeitslosenquote (-1,4 zum Vorjahr) und die Erwerbstätigenquote (+1,0 zum Vj) endlich halbwegs sauber spiegelbildlich entwickeln. Kaum sprach ich es aus, wurde der Zusammenhang wieder schwächer: im Februar stieg die Erwerbstätigenquote im Jahresvergleich mit +0,5 Prozentpunkten deutlich langsamer als die Arbeitslosenquote mit -1,2 Prozentpunkten im Gegenzug sank. Der Rückgang der Arbeitslosenquote geht als nur zur Hälfte auf eine Verbesserung der Beschäftigungslage zurück, die andere Hälfte entsteht durch das Ausscheiden von Leuten aus dem Arbeitsmarkt.

Langfristig ist dieser (Nicht-) Zusammenhang weiterhin ernüchternd: Die Arbeitslosenquote ist von knapp 10% auf nun 5,5% gefallen, die Erwerbstätigenquote aber gerade einmal um 1,1 Prozentpunkte gestiegen. Das Urteil aus den letzten Berichten stimmt immer noch: Trotz der spürbaren Verbesserung der Arbeitslosenquote verbessert sich der Anteil der Arbeitenden an der Bevölkerung nur zögerlich. Es entstehen zwar neue Arbeitsplätze, aber nur geringfügig mehr als angesichts der wachsenden Bevölkerung nötig wäre, um die Erwerbstätigenquote stabil zu halten.

Establishment Data:

Die Daten aus der Establishment Data, die als genauer gelten, waren im Februar sehr positiv.

Anzahl der Jobs: +295.000 gegenüber dem Vormonat auf 141,126 Millionen. Zum Plus von 288.000 neuen Jobs im privaten Sektor kam ein Zuwachs der Beschäftigung von 7.000 Jobs im öffentlichen Sektor. Das Plus lag deutlich über den Erwartungen der Analysten und auch über dem Durchschnittswert des letzten halben Jahres.

Etwas getrübt wird der Februar-Report durch die Abwärtskorrektur der Zahlen für den Januar. Das Dezember-Plus für die neu geschaffenen Arbeitsplätze blieb bei sehr guten 329.000, das Januar-Plus wurde um 18.000 auf 239.000 nach unten korrigiert. Das sind eher kleine Korrekturen, die keinen wesentlichen Einfluss auf die Einschätzung haben.

Die Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche blieb bei 34,6 Stunden. Die Zahl der Überstunden sank von 3,5 auf 3,4 Stunden. Beide Werte bleiben damit am oberen Rand der seit gefühlten Ewigkeiten geltenden Spanne von 34,4 bis 34,5 bzw. 3,2 bis 3,5 Stunden. In beiden Zahlen spiegelt sich weiterhin die grobe Tendenz am Arbeitsmarkt wider: Die Beschäftigung wächst zwar, aber ein breiter Boom sieht anders aus.

Immer ein guter Check für die Gesamtverfassung des US-Arbeitsmarkts ist die am breitesten ausgelegte Arbeitslosenquote U-6 (darin stecken z.B. auch alle, die zwar einen Teilzeitjob haben, aber eigentlich Vollzeit arbeiten wollen, etc.). Die U-6 sank im Februar leicht um 0,3 Prozentpunkte auf 11,0%. Gegenüber dem Vorjahresmonat ergibt sich damit ein Rückgang um 1,6 Prozentpunkte. Der Sinkgeschwindigkeit hat sich damit gegenüber dem Dezember wieder erhöht (damals nur -0,9 Prozentpunkte). Damit sinkt die Quote bei der breiter gefassten Arbeitslosigkeit zwar schneller als die Arbeitslosenquote in der engeren Definition, wenn man aber berücksichtigt, dass die Arbeitslosenquote dort doppelt so hoch ist (11,0 vs. 5,5%), sollte die Arbeitslosenquote dort auch etwa doppelt so schnell sinken. Das tut sie aber leider nicht, der Rückgang um 1,6 Prozentpunkte bei U-6 ist nur etwas mehr als die 1,2 Prozentpunkte bei der Arbeitslosigkeit in der engen Definition.

Zusammenfassend: Der Februar-Bericht vom US-Arbeitsmarkt fiel gut aus. Die Household-Data war allerdings nur dank der Umbuchung von gut 350.000 Arbeitnehmer in die NILFs nur an der Oberfläche (Rückgang der Arbeitslosenquote) gut. Unter der Decke steckte eine negative Überraschung. Da die Daten aus der Establishment-Umfrage aber als genauer gelten (und die Abwärtskorrekturen klein blieben), würde ich den überraschend großen Zuwachs an Arbeitsplätzen höher gewichten und dem Job-Report noch ein knappes "Gut" verleihen.

BLS.GOV: THE EMPLOYMENT SITUATION — February 2015  (PDF)

Eine Zahl, die in letzter Zeit leichte Sorgen bereitete : Der durchschnittliche Stundenlohn stieg auf 24,78$. Die Jahresrate liegt bei 2,0%. Das ist noch nicht toll, aber besser als der extrem magere Lohnanstieg von 1,7%, der im Dezember gemeldet wurde. Für eine Entwarnung ist es zu früh, für Jubel erst recht.

IWF Chefin Lagarde zu Griechenland: Sparen allein ist keine Lösung

An die Gläubiger Griechenlands und ihre strikte Verhandlungsposition gerichtet sagte Lagarde: „Ich finde, der Fokus sollte nicht darauf liegen zu sagen: Austerität oder nichts.“ Die Frage sei, so die IWF-Chefin, was man tun müsse, damit „die griechische Wirtschaft und die Menschen in Griechenland Kapital daraus schlagen, dass das Wachstum angekurbelt, die Kreativität erhöht, Innovation geschaffen und die Wirtschaft neu strukturiert“ werde.
Ich kann nur zustimmen. Wie so oft geht es nicht ausschließlich darum, wie viel Geld gespart wird oder wie viel ausgegeben wird, sondern auch darum, wofür das Geld ausgegeben wird. Griechenland würde es heute viel besser gehen, wenn nicht nur gespart worden wäre, sondern wenn man auch dafür gesorgt hätte, dass mehr Geld produktiv ausgeben wird.


Ich wollte das nur mal erwähnen, weil sich die Einstellung des IWFs zur Austerität in Griechenland schon vor einiger Zeit geändert hat. In der Forschungsabteilung gibt es schon einige Papiere, die die eigene Fehleinschätzung des Sparprogramms 2010 eingestehen und hinterfragen, warum man sich so verschätzen konnte.

Als vielleicht wichtigstes Paper kann "IMF Working Paper: Growth Forecast Errors and
Fiscal Multipliers" gelten. Auch wenn es keine offizielle IWF-Politik-Position ist (sondern Forschung), stammt es vom Chefvolkswirt Olivier Blanchard (und Daniel Leigh). Das Paper ist ziemlich technisch; ich verstehe gefühlt keine 10%. Aber die Zusammenfassung hat es in sich (Seite 19): Der Multiplikator für die Staatsausgaben, der vor der Krise auf etwa 0,5 geschätzt wurde, lag (zumindest in den ersten Jahren der Krise) in der Realität klar über 1. Das bedeutet, dass 1 Euro weniger Staatsausgaben zu einem BIP geführt hat, das mehr als einen Euro niedriger lag (und nicht zu einem nur 50 Cent niedrigeren BIP). Praktisch bedeutet das, dass das "Wegsparen" eines Haushaltsdefizits von gut 10% nicht zu einem Einbruch des BIPs von 5% führt (wie man vor der Krise dachte), sondern zu einem Einbruch von deutlich mehr als 10%.
Was das ganze noch schlimmer macht: Durch den hohen Multiplikator von deutlich über 1 erhöht sich die Gefahr einer Abwärtsspirale massiv. Denn ein niedrigeres BIP zieht niedrigere Steuereinnahmen nach sich. Dadurch muss dann noch mehr gespart werden, was dann wiederum für niedrigere Steuereinnahmen sorgt. Bei einem Multiplikator von 0,5% kann man diese Spirale eventuell schnell in den Griff bekommen, bei einem Multiplikator von deutlich über 1 wird das zunehmend unmöglich. Man bekommt dann Griechenland: Das "Wegsparen" von 12% Haushaltsminus führt zu einem BIP-Einbruch von 25%. Und das ist ja immer noch nicht das Ende, das Sparprogramm hat ja immer noch nicht - wie geplant - zu einem ausgeglichenen Haushalt geführt ...


Aus Sicht der Politik ist der vielleicht wichtigste Punkt, dass die Troika Institutionen (TIFKAT - The Institutions Formerly Known As Troika) keinesfalls so unfassbar einheitlich und zu 100% vom Sparprogramm überzeugt sind wie Schäuble und große Teile der deutschen Medien das darstellen. Man sieht - außerhalb der Schäuble-Merkel-Bubble - durchaus intelligentere Alternativen zum bedingungslosen Sparen. Aber vielleicht haben wir mit der neuen Regierung in Griechenland den Zeitpunkt erreicht, wo nicht mehr auf Teufel komm raus gespart wird, sondern auch endlich geschaut wird, wo der Staat sinnvoll Geld ausgeben kann und das (im optimalen Fall schon kurzfristig) Rendite bringt.


IWF-Chefin Christin Lagarde im Interview mit der Huffington Post: „Austerität ist nicht alles"

Tesla will Akku für Hausstrom produzieren. Während Deutschland diesen Zukunftsmarkt verpennt.

Dieser soll ein Haus für eine Woche mit Strom versorgen können. Das sollte reichen, um Leute mit Solaranlagen auf den Dächern in vielen Regionen der Welt unabhängig vom Stromnetz zu machen. In Deutschland wird das im wolkigen, dunklen Winter wohl nicht klappen, am Südrand von Europa dürfte es aber durchaus realistisch sein.

Das ist natürlich spannend, allein schon weil so ein Großakku für den Hausgebrauch endlich mal in die Massenproduktion geht und von einem Hersteller kommt, der gerade die größte Akkufabrik der Welt hochzieht, sprich der gute Preise liefern sollte. Der Preis ist noch unbekannt, aber Tesla wird uns dann in einigen Monaten eine Hausnummer liefern für einen Akku, der ein Haus potenziell vom Stromnetz unabhängig machen kann.

Ein kostengünstiger Akku könnte noch eine Menge anderer spannender Einsatzbereiche finden. Wenn die Stromanbieter darauf Zugriff bekommen könnten, wäre zum Beispiel das Problem der negativen Strompreise gelöst, die es ab und zu tatsächlich gibt (z.B. wenn der Wind zu stark weht und es Nacht ist).

Auch könnte man die Förderung von Solarzellen in Deutschland endlich umstellen und nicht nur die Erzeugung des Solarstroms fördern, sondern auch den Verbrauch vor Ort, ohne dass der Strom erst teuer durchs Netz muss. Die Idee, den Eigenverbrauch zu erhöhen, gab es ja schon mal. Leider hat man sich am Ende für eine massive Kürzung der Preise für Fotovoltaik-Strom entschieden, statt die Förderung durch eine Erhöhung des Eigenverbrauchs auf das IMHO aktuell wichtigste Problem auszuweiten: Wir haben zu geringe Netzkapazitäten und zu geringe Speichermöglichkeiten.

Ein Eigenverbrauch von 50% hätte zur Folge, dass die Besitzer einer Solaranlage nur noch 50% des erzeugten Stroms zum garantierten (hohen) EEG-Preis (sagen wir mal 20 Cent) hätten einspeisen dürfen. Für den Rest gäbe es nur noch den Marktpreis (sagen wir mal 5 Cent), wenn man weniger als 50% des Stroms verbrauchen würde. Damit hätten sich die Besitzer von Solarzellen Gedanken machen müssen, was sie mit dem "überschüssigen" Strom anstellen. Einspeisen zu 5 Cent macht wenig Sinn, die Einnahmen wären ja geringer als die Kosten für jede verbrauchte Kilowattstunde am Abend.

Hier bietet ein Akku tolle Möglichkeiten:

Der Strom könnte später selber verbraucht werden.
Der Strom könnte zur richtigen Zeit intelligent selber verbraucht werden, indem man z.B. die Waschmaschine startet, wenn die Sonne scheint.
Der Strom könnte bei hoher Nachfrage (wenig Wind, abends, Winter) zu einem höheren Preis ins Netz eingespeist werden.

Sowohl die Akkus wie auch der intelligente Verbrauch sind IMHO riesige Zukunftsmärkte, die Deutschland gerade grandios verpennt. Nachdem Deutschland völlig einseitig mit (Hundert?) Milliarden die Fotovoltaik (aber nur die Zellen) gefördert hat, hat sich nun jeder Mut (übrigens auch die Arbeitsplätze in den Solarzellenfabriken) in Luft aufgelöst. Um die kommenden Märkte Smart Home (bei dem "Smart Verbrauch" ein Teil sein wird; tolles IT-Thema!) und Akkus kümmert sich in Deutschland anscheinend niemand mehr (zumindest aus der Politik). Dabei wären beide Technologien auch für die in Deutschland so wichtige Automobilindustrie hochinteressant. Das ist Energiepolitik (Energiewende) und Industriepolitik in einem und es würde nicht einmal viel Geld kosten, zumindest wenn man es mit der (IMHO völlig versemmelten) ersten Stufe der Energiewende vergleicht.

Elon Musk says Tesla will unveil a new kind of battery to power your home | The Verge

USA: Arbeitslosenquote 01/15: 5,7% (+0,1 Vm, -0,9 Vj), 257.000 neue Jobs. Shortie.

Kurzversion, habe nach dem Griechenland-Artikel gerade keine Zeit mehr. Irgendwann muss ich auch mal Geld verdienen ...

Erwartet wurde eine Arbeitslosenquote von 5,5%, der Anstieg der Arbeitsplätze hingegen war ziemlich genau wie erwartet.

Der Anstieg der Arbeitslosenquote geht auf ein Mehr an Arbeitskräften zurück (durch die Jahreskorrektur fast 1.000.000 mehr als im Dezember), davon waren zwar fast 750.000 in Lohn und Brot, etwa 250.000 aber nicht.
Der Anstieg der Arbeitslosenzahl ging dabei mehr als ausschließlich auf den Rückgang der NILFs (-350.000) zurück, sprich Leute, die im Dezember noch nicht dem Arbeitsmarkt zugehörig galten, waren das nach der Jahreskorrektur plötzlich.

Eine Zahl, die im Dezember noch Sorgen machte, war die Lohnentwicklung. Im Dezember sanken die Löhne, im Januar ging es aber wieder nach oben. Auch wenn die Lohnentwicklung verhalten bleibt, ist es doch etwas beruhigend, dass der Dezember wohl nur ein negativer Ausreißer war.

Bei der großen Jahreskorrektur, die einmal im Jahr (im Februar) durchgeführt wird, werden neue Erkenntnisse über die Bevölkerungsanzahl in die Arbeitsmarktstatistik eingearbeitet; diese Zahl wird innerhalb des Jahres von Monat zu Monat nur geschätzt und hochgerechnet. Dazu schreibe ich vielleicht später noch mal was, auf den ersten Blick finde ich darin aber keine so spannenden Details, die ich oben nicht schon genannt hätte.

http://www.bls.gov/news.release/pdf/empsit.pdf

Griechenland so: Haste mal 'nen Euro? Europa: Nöh, geh arbeiten!

Beziehungsweise "Europa so: spar gefälligst". So funktioniert Wirtschaftspolitik und Solidarität in Europa anscheinend.

OK, kleine Einleitung (es wird lang, wer nur wissen will, was hinter dem 1-Euro-Schnorrer verbirgt, kann zur Zwischenüberschrift scrollen):

Die Darstellung der neuen griechischen Regierung und der Vorschläge des neuen Finanzministers Varoufakis geht mir - wie treue Leser und Follower bestimmt schon gemerkt haben - ziemlich auf den Senkel.

Beispiel 1:

Ein Satz von Varoufakis aus dem Zusammenhang gerissen und (absichtlich?) falsch interpretiert:

"Was immer die Deutschen sage, Sie werden zahlen".

Im Zusammenhang ergibt sich, dass viel eher Folgendes gemeint war:

"Schlimmerweise stopfen die Deutschen immer weiter Geld in ein Schwarzes Loch, egal, was sie sagen“. Oder anders: „Die machen immer weiter mit dem Blödsinn, obwohl es nicht funktioniert und auch nie funktionieren wird.“"

Schön zusammengeschrieben von: Im Zweifel gegen den Griechen — BILDblog

Beispiel 2:

ich habe auch schon abgerantet über die Bild:

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Ach Bild :( Die bösen Griechen-Milliardäre zahlen keine Steuern für ihre Schiffe?

Da wird über die milliardenschweren griechischen Reeder hergezogen, die ihre Steuern nicht in Griechenland bezahlen. Dabei zahlen erstens die Reeder in anderen Ländern (wie Deutschland) ebenfalls keine bzw. kaum Steuern und zweitens wohnt und lebt die Mehrzahl der "griechischen" Reeder-Milliardäre gar nicht in Griechenland (sondern in der Schweiz oder Monaco) und müssen daher überhaupt keine Steuern in Griechenland bezahlen. Auch wenn Vor- und Nachname noch so griechisch sein mögen.

Beispiel 3:

Da wird der Vorschlag, den Schuldenstand von 170% auf ein etwas tragbareres Niveau zu reduzieren, "Fauler Schuldenzauber" genannt. Dabei war die Analyse, dass ein solcher Schuldenberg zu hoch ist, garantiert nicht die Analyse einer marxistischen Geheimverschwörung, sondern breiter Konsens unter führenden Ökonomen, der auch schon in der Vergangenheit zu zwei Schuldenschnitten (auch wenn man diesen Namen vermied) führte.

Kommentar: Griechenlands fauler Schuldenzauber - Tsipras in Brüssel

Darin auch die spannende Einschätzung, dass Griechenland ein "süßes Leben auf Pump" anstrebe. Poah, nach einem BIP-Einbruch von mehr als einem Viertel (das gab es in Friedenszeiten in einem "Erste-Welt"-Land noch nie), bei einer Arbeitslosigkeit von mehr als 25%, einer Arbeitslosenhilfe, die nach einem Jahr ausläuft und von NICHTS abgelöst wird (es gibt keine anschließende Sozialhilfe und keine staatliche Krankenversicherung!). "So könnte das süße Leben auf Pump weitergehen" ... Das ist noch dreister als die "spätrömische Dekandenz" ...

Griechenland: Nach nur einem Jahr ist Schluss mit der Sozialhilfe - Europa - Politik - Wirtschaftswoche

So genug aufgeregt. Es gibt ja durchaus auch gute Artikel zum Thema:

Carta — Athen: Der Rauswurf der Spar-Sadisten und der Plan von Finanzminister Varoufakis

Syriza-Bashing: Ein Versuch, den deutschen Irrsinn zu verstehen | misik.at

Oder man nimmt Varoufakis im Original oder in einem Interview:

Varoufakis Interview in der Zeit: Lesebefehl! - egghat's not so micro blog

Aber worüber reden wir hier eigentlich?

Klar, Griechenland hat ein Haushaltsloch. Aber Griechenland hat auch schon gespart (und zwar massiv). Dass der Schuldenstand so durch die Decke ging (von etwa 110 auf jetzt wieder 180%/BIPs) lag vor allem an zwei Faktoren:

a) Das BIP sank um 25%, was im Umkehrschluss fast 50 Prozentpunkte des Schuldenannstiegs (in Prozent des BIPs) verursachte; bei einem stabilem BIP läge der Schuldenstand bei etwa 130%. OK, hättsewennseaber ... Und Griechenland musste ja auch sparen und ein Teil war auch vernünftig, aber unabhängig davon: Ein Teil des Schuldenanstiegs des BIPs geht trotzdem direkt auf das Sparprogramm und das sinkende BIP zurück. Ein Effekt, den die Troika MASSIV unterschätzt hat. Und wenn man das Beharren auf dem Sparkurs als Indiz nimmt, auch heute noch massiv unterschätzt (als einziger zu zweifeln scheint der IWF)

b) Die Bankenrettung, die 2013 für fast 19 Milliarden Minus im griechischen Haushalt gesorgt hat. Das ist die gelbe Zeile in der großen Tabelle unten. Lässt man diese "Sonderlasten" weg, ergebn sich 3,669 Mrd. Minus 2013, was massiv unter den 18,873 Mrd. von 2012 liegt.



Quelle: SDDS for Greece

Ja, richtig gesehen: 2013 gab es einen Unterschied zwischen Staatseinnahmen und Staatsausgaben in Griechenland von 3,669 Mrd. Euro (inkl. Zinsausgaben). Das ist in etwa eine halber Flughafen im deutschen Westsibirien ;)

Habt ihr andere Zahlen erwartet? Okay, dürft ihr. Aber da habt ihr wahrscheinlich den gesamten Haushalt im Kopf und der enthält halt den entscheidenden Posten der Kosten für die Bankenrettung. Das ist in der unteren Grafik die gelb markierte Zeile. Von den 22,3 Milliarden Euro Haushaltsminus 2013 gehen 18,8 Mrd. auf die Bankenrettung zurück. Und diese war direkte Folge des Schuldenschnitts, der die Bilanzen der Banken ausgehöhlt hat. In dieser "Rettung" hat die EU also den griechischen Bankensektor gerettet, den sie ohne Schuldenschnitt gar nicht hätte retten müssen. Sicherlich: Die privaten Gläubiger im Ausland haben einen Beitrag zum Schuldenschnitt geleistet, einen gehörigen Teil dieser Schuldensenkung musste Griechenland aber direkt wieder in die Banken stecken. Das war dann am Ende nur so halb hilfreich ...

Elstat: PRESS RELEASE: Quarterly Non-Financial Accounts of General Government - 3 rd Quarter 2014 (PDF)

Kleiner Einschub:

In der Grafik lässt sich auch ganz schön erkennen, dass 2014 ähnlich verlaufen wird wie 2013 - lässt man die Ausgaben für die Bankenrekapitalisierung 2013 außen vor. 2014 wird wohl im Endeffekt etwas schlechter laufen, weil die Griechen am Ende des Jahres ihre Steuerzahlung aufgeschoben haben, in der Hoffnung, dass Syriza sie verschonen wird.

Die zweite Zeile, die ich herausheben möchte, ist die grüne: Das sind die Sozialausgaben. Nur weil die FAZ etwas vom "süßen Leben" schrieb. Hier kann man einen deutlichen Rückgang erkennen, kein Wunder, wenn die Leistungen nach 12 Monaten auslaufen. Es schadet aber nicht, auf Basis von Zahlen darauf hinzuweisen, dass die Sozialausgaben in den ersten drei Quartalen gegenüber 2012 um etwa 4 Milliarden oder mehr als 12% gesunken sind. Und das mitten in einer sich noch verschärfenden Krise, in der Sozialausgaben naturgemäß eigentlich steigen müssten. Das Sozialsystem in Griechenland ist so weit weg von Sozialparadies wie man nur sein kann.

OK, aber nun zur Überschrift:

Wir hatten 2013 eine Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben im griechischen Staatshaushalt von 3,669 Mrd. Euro. Die Eurozone hat knapp 340 Millionen Einwohner. Das macht eine aktuelle griechische Haushaltslücke, die pro Jahr pro Kopf der Eurozone 10,80€ beträgt. Geteilt durch die 12 Monate des Jahres sind wir bei weniger als einem Euro.

EIN EINZIGER EURO PRO MONAT PRO NASE.

Worüber reden wir hier eigentlich? Diese eine Euro ist uns Europa und die politische Stabilität nicht wert?

Noch eine Einordnung: Der EU-Haushalt 2013 war 144 Milliarden Euro schwer. 30% floss in direkte Hilfen für Bauern, also gut 43 Milliarden. Mit weniger als 10% des AGRAR-Haushalts (oder knapp 2,6% des Gesamthaushalts) der EU könnten wir das Loch in Haushaltsloch in Griechenland stopfen? Und die Diskussion über die Pleitegriechen wäre endlich zu Ende? Das ist es uns nicht wert?

WARUM?

Schenkt den Griechen ein paar neue Straßen, neue Schulen, ein modernes Stromnetz und ein paar Solarzellen auf den Dächern. Das schafft sofort Arbeitsplätze (und damit Steuereinnahmen) und erwirtschaftet Rendite in der Zukunft. Es könnte so einfach sein ...

P.S. und OT:

Warum sich die neue griechische Regierung und die europäische Gegenseite so auf die Frage Schuldenschnitt Ja oder Nein versteifen, verstehe ich auch nicht. Das ist eigentlich nicht die entscheidende Frage. Griechenland zahlt 4,3% seines BIPs für Schulden (weniger als die 5,9% 2010) und damit nur unwesentlich mehr als die USA (3,9%/BIP).

Warum Griechenland keinen Schuldenschnitt braucht

Von mir aus: Macht noch mal einen Schuldenschnitt und zwar für den Teil der Schulden, der bei der EU (EZB, ...) liegt. Aber nennt das Kind von mir aus (wie bei den ersten zwei Schuldenschnitten) nicht so und verlängert einfach die Laufzeit und senkt die Zinsen noch weiter. Dann gibt es das Geld zurück, nur später. Der Kompromiss hier ist doch so offensichtlich und naheliegend, dass es peinlich ist, dass das noch nicht umgesetzt wird. Die andere Frage: Sparen oder Investieren ist die viel schwierigere und wichtigere. Meine Meinung dazu kennt ihr jetzt.

Update (07.02.15):

Die Liste mit den grusligen Artikel über Varoufakis kann man anscheinend beliebig verlängern ...

Heute im Angebot:

Finanzminister Janis Varoufakis als Sex-Ikone - DIE WELT via @a_sator

Oder wie wär's hiermit?

Focus: So lacht das Netz über Griechenlands Finanzminister

Aber der Höhepunkt (besser Tiefpunkt):



Wir haben hier die größte Krise des Euros (zumindest machen es alle so, was mich ja wundert, weil es eigentlich nicht um viel Geld geht, siehe oben) und unsere Qualitätsmedien (Welt, Focus) schreiben über den Finanzminister wahlweise als Sexsymbol oder als Spottobjekt?

Der Focus Chefredakteurs Ulrich Reitz (kein Praktikant, der gerade aus einer Journalistenschule gefallen ist) vermutet sogar hinter der legeren Kleidung eine "perfide Strategie, um die Anzugsträger humorlos, spießig und alt aussehen zu lassen". Das ist nicht nur eine olle schwachsinnige Klickstrecke, mit denen man ein paar Ad Impressions abgreifen will, nein, das sind Gedanken eines Chefredakteurs, von denen er wohl erwartet, dass man diese ernst nimmt. Sorry, tut mir leid, kann ich nicht.

Update 2 (17:36):

Ich bin übrigens in den sozialen Netzwerken (in Blogs kommentiert ja leider niemand mehr, auch wenn das allen Lesern eines Artikels helfen würde) mehrmals gefragt worden, warum ich die Vorschläge von Varoufakis so positiv aufnehme. Will ich gar nicht groß erklären, das habe ich in den einzelnen Artikel ja schon getan. Ich will aber zwei Einschätzungen von Experten bringen, die im Endeffekt genau das sagen, was ich auch meine:

Zuerst Willem Buiter, den ich seit Ausbruch der Finanzkrise hier ja ziemlich häufig gebracht habe, in einem Handelsblatt-Interview:

Citigroup-Chefökonom Buiter: „Kein intelligenter Politiker kann den Grexit wollen“ - Konjunktur Geldpolitik - Politik - Handelsblatt

Daraus eine Passage:

"Man könnte einen Teil der Schulden zum Beispiel in Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit und einem Zinskupon von null Prozent umwandeln. Das würde die reale Last für Griechenland reduzieren, aber die Abschreibungen vermeiden, vor denen sich die Regierungen in Berlin oder Den Haag so fürchten. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Geld tatsächlich weg ist.

Griechenland hat die politischen Grenzen der Austerität erreicht. Aber natürlich braucht das Land dringend Reformen, zum Beispiel beim Steuersystem. Und die neue Regierung muss die Oligarchen an die Leine legen, die große Teile der griechischen Wirtschaft"

Kann ich zu 100% unterschreiben.

Selbst von ideologisch verblendeten (ok, das war zu gemein) Freier-Markt-Vordenkern (Adam-Smith-Institute) kommt Zustimmung für den Schuldenschnitt-Teil des Varoufakis-Plans:

Adam Smith Institute calls on Osborne to back Varoufakis's Greek debt-swap plan | City A.M.

Das sind alles keine Ideen von linksradikalen Finanzrambos ... Da könnt ihr noch so dämlichen Schlagzeilen schreiben ...

Update 3 (08.02.15):

Gut dazu auch das Video von Robert Misik: Warum im Fall von Griechenland (und Schulden allgemein) die angeblich so moralfreie Wirtschaft auf einmal zu viel Moral beweist:

Die Moral-Vergiftung der Euro-Wirtschaftsdebatte - FS-Misik - derStandard.at › Meinung

Update 4 (09.02.15):

Das ist die wahrscheinlich wichtigste Grafik zum Thema: Das Ausmaß des Einbruchs:



via Griechenland verdient die Unterstützung Deutschlands

Wer sich daran erinnert, was nach dem Einbruch damals in Deutschland, später in Europa und der Welt passierte, kann doch nicht ernsthaft dazu aufrufen, weiter zu sparen.

Ach Bild :( Die bösen Griechen-Milliardäre zahlen keine Steuern für ihre Schiffe?

Die deutschen Reeder etwa?

Kleiner Hinweis:

Tonnagegewinnermittlung – Wikipedia

Hinter dieser Sondersteuer, unter dem Namen "Tonnagesteuer" etwas bekannter, versteckt sich eine Gewinnermittlung nach einer speziellen Methode, die dazu führt, dass quasi kein Gewinn anfällt. Dieser Minigewinn wird dann zwar normal mit dem Einkommenssteuersatz versteuert, aber da aus steuerlicher Sicht nahezu kein Gewinn anfällt, bleibt auf den eigentlich erzielten Gewinn gerechnet der effektive Steuersatz lächerlich gering.

Dazu kommt noch:

"Wegen der Steuerbefreiungen in § 4 Nr. 2 UStG und § 27 Abs. 1 Nr. 1 EnergieStG ist der Schiffsverkehr praktisch von Umsatzsteuer und Energiesteuer befreit." (Wikipedia, Link oben)

Keine Umsatzsteuer. Keine Mineralölsteuer. Und wie gesagt dank der Sonderregelung quasi keine Gewinne, die man versteuern muss.

Definiere Steuerparadies .... Wohlgemerkt: Alles oben genannte bezieht sich auf Deutschland (und dürfte in Griechenland ziemlich ähnlich sein).

Schiffsfonds für betuchte Anleger in Deutschland werben seit Menschengedenken konsequenterweise damit, dass die Einnahmen der Schiffe "nahezu steuerfrei" kassiert werden können, siehe auch:

Milliarden-Subventionen ohne Gegenleistung | NachDenkSeiten – Die kritische Website

Übrigens ist es ziemlich lustig, aber klassische Bild-Tradition, dass von den griechischen Reederei-Milliardären ausgehend ganz schnell unzulässig verallgemeinert wird und daraus ein:

"Griechen-Milliardäre zahlen keine Steuern!"

wird. Es wird auch jemand genannt, der Yachten baut. Warum dieser mit seiner Werft unter die Reederei-Spezialsteuern fallen sollte : Keine Erklärung.

Genau wie die Bild in irgendeiner Weise nicht im Ansatz belegt, dass die namentlich genannten und an den Pranger gestellten Milliardäre wirklich keine Steuern zahlen. Kennt die Bild deren Steuererklärung?

(Wobei "keine Steuern" gleich die nächste Ungenauigkeit ist, wenn überhaupt dürften es "wenig" Steuern sein).

Ähnlich lustig (okay, anders kann man die Bild nicht nehmen) ist das vorsichtige Eingeständnis, dass der "neue Griechen-Premier Alexis Tsipras (40) die Reeder stärker zur Kasse bitten will. Doch der Koalitionspartner mauert. Politiker von CDU/CSU erhöhen nun den Druck" (die von der SPD anscheinend nicht, oder hat Bild die "vergessen" zu fragen?). Ok, laut Bild erhöhen DIE Politiker, die ähnliche Steuergesetze in Deutschland für normal halten, jetzt also den Druck. Die Griechen sollen doch endlich mal die Reeder rannehmen und die Steuern kassieren, die Deutschland selber auch nicht kassiert … Klingt logisch ;/

Nee, ganz ehrlich Bild: IMHO dürften die linken Tsipras und Varoufakis den reichen Griechenreedern eher an den Kragen gehen als ihr einen vernünftigen, ausgewogenen Artikel über Griechenland hinbekommt … (oder Schäuble-Merkel den deutschen Reedern endlich vernünftige Steuern abknüpft)

Tolles Beispiel für einen Bild-Artikel, der bei der Nennung einer einzigen zusätzlichen Tatsache (Deutschland macht das gleiche) völlig in sich zusammenbricht.

P.S. Wann schreibt ihr einen Artikel über die deutschen Reeder, die keine Steuern zahlen?

Update (15:59):

Oh, den Link auf die Bild vergessen ... Ich Depp ...

Warum zahlt ihr superreichen Griechen keine Steuern? - Politik Ausland - Bild.de

Update 2 (16:02):

Und dann vielleicht noch eine Ergänzung:

George Papadopoulos auf Twitter: "@luebberding @egghat @KaiDiekmann Nicht zu vergessen, dass die v. 'Bild' genannten Reeder ihren Sitz in der Schweiz oder Argentinien haben"

Das stimmt nicht so ganz, der Hinweis ist trotzdem gut:

George Economou wohnt in Griechenland und seine wertvollste Firma hat auch dort seinen Sitz.

Bei Latsis hingegen stimmt es, er hat seinen Wohnsitz in Monaco (davor Genf),

Theodore Angelopoulos wohnt in der Schweiz.

Und beim Reichsten in der Bild-Liste genannten Griechen Stavros Niarchos ist mir völlig unklar, wo der lebt. Scheint mit Business nicht viel am Hut zu haben, eher hiermit
...

Ganz nebenbei scheint mir als würde das Milliarden-Vermögen auch nicht ihm persönlich, sondern einer Stiftung zu gehören. Damit ist der ganze Fall eh ein anderer.

Aber egal, für Bild sind das alles nur lästige Details ... Griechischer Name --> Besteuern. Selbst wenn die Familie schon seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr dort lebt ...

Update (22:58):

Uh, das ist ja noch übler. Die einzige verbliebene deutsche Wirtschaftszeitung (neben der Nische Börsenzeitung) hat daraus ne Klickstrecke gebastelt .

Griechische Milliardäre: Reederei steuerfrei - International - Politik - Handelsblatt

1.700 Privatjets zum WEF2015? Kann das stimmen?

Das ging als Tweet (und als retweet u.a. von mir) ziemlich weit herum (7.000 retweets, 2.000 Likes), .



Zum World Economic Forum sollen 1.700 Privatjets unterwegs sein, um dort - wie leicht sarkastisch angemerkt wurde - unter anderem den Klimawandel zu diskutieren. Allerdings waren einige (darunter yours truly) etwas skeptisch, ob die Zahl überhaupt stimmen kann. Wo sollen die ganzen Jets denn landen? Wo sollen sie abgestellt werden (Zürich hat z.B. nur 60 Stellplätze). Wie lange soll das dauern, bis die ganzen Jets alle gelandet und wieder gestartet sind?

Die entsprechende Diskussion auf APP.NET (gibbet immer noch, auch wenn ihr mir das nicht glaubt ;) ): Dieter Meyeer: '@blog2read @schoeni Die Zahl steht überall. Die Frage ist: Kann die stimmen?' on App.net

OK, am Ende kamen wir dann zur Erkenntnis, dass es theoretisch schon gehen würde, 1.700 Jets zu landen und zu starten. Es könnte ja mehr als ein Flughafen involviert sein, und außerdem werden sich die Flüge über mehrere Tage verteilen, da nicht alle Beteiligten die ganze Zeit in Davos sind.

Damit wäre wohl geklärt, ob es es theoretisch möglich sein könnte, das heißt aber noch nicht, dass es stimmt. Und es sieht in der Tat so aus, als ob die Zahl falsch wäre. Also nicht die Zahl an sich, aber die Bezeichnung bzw. Einheit. Es handelt sich nicht um 1.700 Flugzeuge, sondern um 1.700 Flugbewegungen. Das berichtet Fusion, die mal bei der Datenquelle (XWings) nachgehakt haben.

Fact check: How many private jets actually flew in to Davos? -- Fusion


  • Ein Privatjet, der landet und später wieder startet, macht also 2 Flugbewegungen.
  • Wird die Jet für zwei Tage auf einem anderen Flughafen geparkt, sind es zwei weitere Flugbewegungen, also 4.
  • Fliegt die WichtigePerson™ mit dem Heli nach Davos, sind es zwei weitere Flugbewegungen, da sind wir schon bei 6,
  • pendelt der Heli (fliegt also leer zurück, wovon zumindest manchmal auszugehen ist), sind es noch zwei weitere Flugbewegungen mehr, dann sind wir sogar bei 8.


Auf der anderen Seite wird nicht für jeden Privatjet ein Heli fliegen (es passt ja mehr als eine WichtigePerson™ in den Heli), auch werden nicht dauernd Helis leer fliegen. Wenn man alles durchrechnet, wird man also auf irgendeinen Divisor zwischen 2 und 8 kommen, der zwischen der Anzahl der Flugbewegungen und der Anzahl der Flugzeuge liegt.

Es ist natürlich fast unmöglich zu sagen, wie viele (Privat-) Jets zusätzlich unterwegs sind. Es könnten 500 sein, es könnten auch nur 250 sein. Wahnsinn bleibt das natürlich trotzdem, aber eben nicht so krasser Wahnsinn wie zuerst gedacht ...

Danke an Vera für den Hinweis (Folgeempfehlung btw.)

Bei der Suche (ich mein Recherche, Journalisten nennen das ja so ;) ) ist mir auch folgender Artikel auf dem Bildschirm gekommen:

"das WEF dem Flughafen Zürich jeweils rund 1000 zusätzliche Starts und Landungen beschert"

Darin wird von 1.000 zusätzlichen Starts und Landungen in Zürich geschrieben. Das würde also auf max. 500 Jets zurückgehen, wenn man wie oben Flüge zum "Parken" und die Heli-Flüge abzieht, auch noch deutlich weniger ... Das passt dann auch ziemlich gut zu den Überlegungen von oben. Es sind nicht 1.700 Jets, sondern eher 200 bis max. 500.

Das Doofe an solchen Nachrichten: Das Stück von Fusion wird nicht einmal ansatzweise so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die ursprüngliche Zahl. Die 1.700 Flugzeuge bleiben in den Köpfen (und werden auch in Zukunft garantiert noch genannt werden), die wirkliche Zahl wird nur einen Bruchteil der Menschen erreichen, die den Ursprungstweet gesehen haben ...

P.S. Wenn am Ende noch mal jemand etwas lesen sollte, wie viele Flugzeuge es jetzt wirklich waren (man kann das ja zumindest in Zürich mitlesen, sollte es am anderen Flughafen auch geben), würde ich mich über einen Hinweis freuen.

USA: Arbeitslosenquote 12/14: 5,6% (-0,2 Vm, -1,1 Vj), 252.000 neue Jobs. Aber dicke NILF Umbuchung.

Hier mein gewohnter US-Arbeitsmarktbericht:

Für den Dezember 2014 veröffentlichte das Bureau of Labor Statistics einen Arbeitsmarktbericht, der unter der Oberfläche nicht so aussieht, wie es die beiden wichtigen Zahlen (die beide gut ausfielen) nahelegen. Die wichtige Zahl aus dem ersten Teil (Arbeitslosenquote aus der Household-Data) verbesserte sich nur durch eine kräftige Umbuchung in die NILFs (not in labor force). Der zweite Teil hingegen fiel durch die Korrekturen der Vormonate sogar noch besser als die wichtige Zahl (Anzahl neuer Arbeitsplätze) andeutet.

Zu den offiziellen Zahlen des Dezember 2014:

Household Data, per Umfrage erhoben:

Anzahl der Arbeitslosen: -383.000 auf 8,688 Millionen,
Anzahl der Arbeitenden: +111.000 auf 147,442 Millionen

--> Arbeitslosenquote: 5,6% (-0,2 zum Vormonat; -1,1 zum Vorjahresmonat). Der positive Trend auf Jahresbasis ist weiterhin klar und in vollem Umfang intakt.

Nur relativ wenige neue Arbeitsplätze, dagegen ein deutlicher Rückgang der Zahl der Arbeitslosen. Wenn man weiss, dass die Bevölkerung in den USA wächst, ahnt man schon Böses ... Die gesunkene Arbeitslosenquote und die zurückgehende Zahl der Arbeitslosen ging nämlich nur auf die NILF-Zahl ("not in labor force", suchen keinen Job mehr, aus welchen Gründen auch immer) zurück: 456.000 AmerikanerInnen wurden zusätzlich in die NILF-Schublade umgebucht. Ohne diese Umbuchung wäre sowohl die Anzahl der Arbeitslosen als auch die Arbeitslosenquote gestiegen.

Schwenken wir rüber zur Erwerbstätigenquote (Anzahl Arbeitskräfte gesehen auf die Gesamtbevölkerung), die immer ein guter Check für die Arbeitslosenquote ist. Diese zeigte dann auch keine Verbesserung und blieb im Monatsvergleich unverändert bei 59,2%, was 0,6 Punkte mehr sind als vor einem Jahr. Damit löst sich die Erwerbstätigenquote langsam langsam aber sicher vom Rekordtief von 58,2% aus dem Oktober 2013; der aktuelle Wert bleibt der beste seit August 2009. Die Erholung bleibt in letzter Zeit aber verhalten, seit August kamen nur noch magere 0,2 Prozentpunkte hinzu.

Im Spätsommer hatte ich darauf hingewiesen, dass sich damals die Arbeitslosenquote (-1,4 zum Vorjahr) und die Erwerbstätigenquote (+1,0 zum Vj) endlich halbwegs sauber spiegelbildlich entwickeln. Kaum sprach ich es aus, wurde der Zusammenhang wieder schwächer: im Dezember stieg die Erwerbstätigenquote im Jahresvergleich mit +0,6 Prozentpunkten deutlich langsamer als die Arbeitslosenquote mit -1,1 Prozentpunkten im Gegenzug sank.

Langfristig ist dieser (Nicht-) Zusammenhang weiterhin ernüchternd: Die Arbeitslosenquote ist von knapp 10% auf nun 5,6% gefallen, die Erwerbstätigenquote aber gerade einmal um einen Prozentpunkt gestiegen. Das Urteil aus den letzten Berichten stimmt immer noch: Trotz der spürbaren Verbesserung der Arbeitslosenquote verbessert sich der Anteil der Arbeitenden an der Bevölkerung nur zögerlich. Es entstehen zwar neue Arbeitsplätze, aber nur geringfügig mehr als angesichts der wachsenden Bevölkerung nötig wäre, um die Erwerbstätigenquote stabil zu halten.

Establishment Data:

Die Daten aus der Establishment Data, die als genauer gelten, waren im Dezember zwar positiv, aber nicht so außergewöhnlich gut wie im November.

Anzahl der Jobs: +252.000 gegenüber dem Vormonat auf 140,347 Millionen. Zum Plus von 240.000 neuen Jobs im privaten Sektor kam ein Zuwachs der Beschäftigung von 12.000 Jobs im öffentlichen Sektor. Das Plus von 252.000 lag im Rahmen der Erwartungen der Analysten und auch in etwa auf dem Durchschnittswert der letzten 6 Monate.

Überdurchschnittlich gut wurde der Dezember-Report, weil die Arbeitsmarkt-Statistiker für beide Vormonate bessere Werte als zuvor errechnet haben. Das Oktober-Plus für die neu geschaffenen Arbeitsplätze wurde um 18.000 auf plus 261.000, das November-Plus noch stärker um 32.000 auf 353.000 nach oben korrigiert. Zusammen ergibt das ein zusätzliches Plus von 50.000. Rechnet man die Korrekturen ein, wird der Dezember zu einem klar überdurchschnittlichen Monat.

Die Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche blieb bei 34,6 Stunden. Die Zahl der Überstunden stieg von 3,5 auf 3,6 Stunden. Beide Werte bleiben damit am oberen Rand der seit gefühlten Ewigkeiten geltenden Spanne von 34,4 bis 34,5 bzw. 3,2 bis 3,5 Stunden. In beiden Zahlen spiegelt sich weiterhin die grobe Tendenz am Arbeitsmarkt wider: Die Beschäftigung wächst zwar, aber ein breiter Boom sieht anders aus.

Immer ein guter Check für die Gesamtverfassung des US-Arbeitsmarkts ist die am breitesten ausgelegte Arbeitslosenquote U-6 (darin stecken z.B. auch alle, die zwar einen Teilzeitjob haben, aber eigentlich Vollzeit arbeiten wollen, etc.). Die U-6 sank im Dezember nur noch leicht um 0,2 Prozentpunkte auf 11,2%. Gegenüber dem Vorjahresmonat ergibt sich damit nur noch ein Rückgang um 0,9 Prozentpunkte. Die Jahresrate sank aber auch schon mal deutlich schneller, im Oktober fiel die Jahresrate noch mit 2,2, im November mit 1,7 Prozentpunkten. Damit sinkt U-6 zum ersten Mal seit der Wende am US-Arbeitsmarkt nicht mehr schneller als die Arbeitslosenquote in der engeren Definition.

Zusammenfassend: Der Dezember-Bericht vom US-Arbeitsmarkt fiel überwiegend gut aus, inklusive der Korrekturen der Vormonate in den Establishment Data würde ich ihn sogar unter "sehr gut" verbuchen. Die Household-Data war aber dank der relativ großen Umbuchung von fast einer halben Millionen Arbeitnehmer in die NILFs nur an der Oberfläche (Rückgang der Arbeitslosenquote) gut. Unter der Decke steckte eine negative Überraschung. Mal schauen, was der erste Bericht für 2015 bringt, darin gibt es turnusgemäß eine vollständige Überarbeitung der Daten für 2014.

BLS.GOV: THE EMPLOYMENT SITUATION — December 2014  (PDF)

Update (15:34):

Eine Zahl, auf die ich sonst nicht schaue, sticht noch heraus: Der durchschnittliche Stundenlohn ist von 24,62$ auf 24,57$ gesunken. Die Jahresrate liegt bei vergleichsweise mageren 1,7%. Der Rückgang ist - trotz der eh schon schwachen Jahresrate - ein Warnzeichen. Gut, der Dezember mag durch Sondereffekte gekennzeichnet sein. So mag es einen Zuwachs an relativ niedrig qualifizierter Saisonarbeit (Amazon Paketpacker) gegeben haben, andererseits könnte es auch geringere Jahresboni gegeben haben. Zumindest die letztere These passt aber nicht wirklich zu Rekordgewinnen bei den Unternehmen ...

Update 2 (23:44):

Eines sollte vielleicht noch erwähnt werden: 2014 war das beste Jahr am US-Arbeitsmarkt. Noch nie wurden so viele neue Stellen geschaffen. Ich muss das mal erwähnen, weil man sonst denken könnte, ich würde das zu negativ beurteilen.

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