Faktencheck: ARD: Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten?


"Die Herstellung eines 100-kWh-Akkus, notwendig für einer Reichweite von rund 400 Kilometer, verursacht eine Klimabelastung von 15 bis 20 Tonnen Kohlendioxid. Ein Wert, für den ein 6-Liter Mittelklassewagen mit Benzin- oder Dieselmotor bis zu 100.000 Kilometer weit fahren kann. Für die Produktion von Elektroautos werden sehr viele unterschiedliche Rohstoffe gebraucht."

a) "100-kWh-Akku": Bis auf das Tesla Model X und Model S hat kein Elektroauto einen 100 kWh-Akku. Selbst Top-Modelle von deutschen Konkurrenten (Audi eTron Mercedes eQC) liegen bei 80-90kWh (Korrektur: 95 kWh beim Audi). "Normalere" Autos wie der Hyundai ioniq oder Kona oder auch das Model 3 haben 50-75kWh oder weniger.

b) "notwendig für 400km Reichweite", bei obigen Zahlen entspricht das einem Verbrauch von 25 kWh/100km. Auch hier wieder ein Model X als Basis, ein 110.000€-Panzer (Spritmonitor: 23,1 kWh/100km). Das Model S liegt schon drunter (20,6 kWh). Normalere Elektroautos noch weiter darunter: Tesla Model 3: 17,2 kWh, Renault Zoë 16,3 kWh, Kona 15,9 kWh, ioniq 14,0 kWh.

c) "Klimabelastung: 15 bis 20 Tonnen Kohlendioxid". Zahlen stammen aus einer schwedischen Studie von 2017 (IVL). Die aber nichts selber berechnet hat, sondern die Ergebnisse anderer (logischerweise älterer) Studien zusammengefasst hat. Wo in Deutschland (hier im Film, aber auch bei "Starökonom" Hans Werner Sinn) gerne 150 - 200kg je kWh Akkukapazität genannt, stehen an der Quelle "40-240kg, average 160" (Seite 13) beim hier üblichen Batterietypen NCM. Wieso diese wahnsinnig große Spanne so oft unter den Tisch fällt, weiß ich nicht. Wichtiger aber: "In almost all LCA studies the electricity mix had a fossil share of about 50% to 70%." Annahme für die Berechnung des CO2-Ausstoßes bei der Produktion war also ein Energiemix, der zu 50 bis 70% aus fossilen Brennstoffen stammt. Dieses ist mindestens für den Tesla falsch, weil der Strom für die Gigafactory zu 100% aus regenerativen Quellen stammt. Natürlich fallen in der Rohstoffförderung und einigen Verarbeitungsschritten weiterhin CO2 an, aber über die gesamte Produktionskette betrachtet dürfte der fossile Anteil spürbar unter 50% sinken.
LG Chem errechnete 2016 in der bisher einzigen Studie eines Akkuherstellers einen CO2 Ausstoß von 141 Kg pro kWh-Akku. Man sieht hier auch, dass der Großteil in der Herstellung und nicht in der Förderung der Rohstoffe anfällt. Wenn die Akkus mit CO2-freiem Strom produziert werden, muss der CO2-Ausstoß massiv sinken, denn auch wenn unklar ist, welche Annahmen LG Chem für den Strommix getroffen hat, weder China noch Südkorea verfügen über besonders CO2-armen Strom, weil sie recht viel Strom aus Kohle erzeugen.


Außerdem muss man berücksichtigen, dass die LG-Studie aus dem Jahr 2016 stammt. Das ist nun schon drei Jahre her, die Datenbasis für die Studie wird wohl noch ein paar Monate älter sein. Seitdem haben sich die Preise für Akkus aber mehr als halbiert, auch weil die Produktion viel effizienter geworden ist und auch weil sich der Rohstoffmix geändert hat. Diese Überlegungen deckt übrigens auch die IVL-Metastudie:

(Nur ein Ausschnitt, Berechnungen weiter rechts sind wegen anderer Akkutechnologie nicht relevant). Die Studie, die auf die in Deutschland gerne genannten 200kg/kWh kommt, stammt aus 2011, die zweite Studie, die im "Medien-Korridor" von 150-200kg liegt, stammt aus 2013. Alle aktuelleren Studien liegen unterhalb des Korridors, teilweise sogar extrem. Wirft man einfach alle Studie heraus, die aus Zeiten stammten, in den Akkus 500-600$ je kWh (heute eher 100-150$) kosteten, sinkt der Korridor auf 40-140kg CO2/kWh und der Mittelwert in Richtung 70kg. Und die Verbesserung der Produktion seit 2016 ist in der Grafik oben noch gar nicht erhalten.

d) "6-Liter-Mittelklassewagen"

Mythos, würde ich mal einfach sagen. Zwar beziehen sich die Zahlen der Destatis auf den Durchschnittsverbrauch der gesamten PKW-Flotte, da dieser aber in den letzten 8 Jahren nur leicht gesunken ist, kann man hier locker von 7,5 Liter/100km ausgehen. Diesel enthält (bekanntlich) mehr C pro Liter und erzeugt daher knapp 15% mehr CO2 pro Liter. Aus den 6,8 Litern Diesel werden also 7,8 Liter "Benzinäquivalent".

Wenn man nun noch berücksichtigt, dass im Durchschnittswert der Destatis auch viele Autos aus der Kleinwagenklasse stecken und oben von "Mittelklasse" die Rede ist, müsste man eigentlich noch weiter "aufrunden". Aus dem 6-Liter-Mittelklassewagen wird in der Realwelt eher ein 8,x-Liter-Wagen und die Annahme des 6-Liter-Autos dürfte 30-40% zu niedrig liegen.

Vergleiche ich also nun halbwegs fair, hat ein Mittelklasse-Verbrenner einen Benzinverbrauch von 8 Litern Benzin(äquivalent), während ein Mittelklasse-Elektroauto (Tesla Model 3) einen 75 kWh-Akku hat, der bei konservativ angenommenen 100kg CO2 pro kWh 7,5 Tonnen CO2-Rucksack hat. Damit kann ich im Verbrenner etwa 34.000km fahren, denn auf den Ausstoß des CO2s im Auto muss man fairerweise auch die Förderung und den Transport des Mineralöls und den Energieverbrauch bei der Raffinierung von Benzin und Diesel rechnen (Eine EU-Quelle errechnete hier mal einen Aufschlag von etwa 20%), schließlich ist in der Berechnung des CO2-Ausstoßes beim Akku die Förderung auch enthalten. 34.000 Kilometer sind natürlich schon eine ganz andere Größenordnung als die "bis zu 100.000 Kilometer", die der WDR angibt.
Kurz: Der CO2-Rucksack des Elektroautos ist bei einem fairen Vergleich etwa 60% niedriger. Und ich würde wetten, dass eine erste Berechnung des CO2-Ausstoßes bei einer Akkuproduktion mit CO2-freiem Strom noch jede Menge Potenzial für eine weitere deutliche Senkung ermöglicht. Mich würde es nicht wundern, wenn die CO2-Rucksack dann sogar in die Ecke von 20.000km sinken würde. Das Verbesserungspotenzial beim Akku ist riesig, das Verbesserungspotenzial beim Verbrenner bleibt sehr bescheiden.

(die entscheidenden Stellen kommen ab Minute 27.45)

Was bleibt vom Bericht?

Der Abbau von Lithium ist schlecht für die Bevölkerung in Chile, vor allem weil für das abgepumpte lithiumhaltige Salzwasser gutes Grundwasser nachläuft und dadurch der Grundwasserspiegel rund um die Fördergebiete sinkt. Dann haben die Bauern und Viehhirten zu wenig Wasser. Ja Mist, aber in Chile sind vergleichsweise wenige Leute (keine 100.000) betroffen, allein ein Meeresspiegelanstieg in Bangladesh um drei Meter würde 28 Millionen Menschen zur Umsiedlung zwingen. Ich wüsste schon, was ich für ein realistisches Umsiedlungsprojekt halten würde und was für ein unrealistisches … Das ist die knallharte, kühle (vielleicht sogar menschenverachtende) Logik, aber es geht womöglich noch viel, viel einfacher: Nämlich indem das Wasser, das heute einfach verdunstet, aufgefangen wird. Ganz doof in einem Treibhaus. Oder per Wasserentsalzungsanlage. Das aufgefangene Wasser läuft dann in den unterirdischen See zurück und schon kann kein Grundwasser von außen mehr nachlaufen. Das verteuert die Förderung natürlich, aber das sollte es uns wert sein. Auf jeden Fall sind verdoppelte oder verdreifachte Preise von Lithium leichter zu verkraften als die Umsiedlung von Tausenden (Chile) oder Millionen (weltweit) Menschen. (Es gab in einer Doku eine Berechnung des Wasserverbrauchs der Lithium-Förderung im ZDF (Harald Lesch), deren Berechnungen aber möglicherweise noch viel weiter daneben liegen als die Berechnungen zum Akku-CO2-Rucksack; siehe zur Kritik hier: Edison: Lithium aus Lateinamerika: Umweltfreundlicher als gedacht). Und noch etwas Whataboutism: Ölkatastrophe im Nigerdelta. Ölsandabbau in Kanada. Ölkatastrophe in Sibirien. Exxon Valdez. Deepwater Horizon. Ixtoc 1. Ihr dürft die Liste weiter fortsetzen … Gerne auch mit den Kriegen um Öl (reden wir da über Hunderttausende oder sogar Millionen Tote?). Kann es sein, dass wir neue Probleme grundsätzlich viel höher gewichten als alte, gegenüber denen wir anscheinend total abgestumpft sind?

Natürlich sind kleine Autos besser als große, natürlich sind drei Insassen besser als einer, natürlich ist ÖPV mit Bus und Bahn effizienter als 30 PKWs. Natürlich müssen wir den Verkehr neu organisieren. Das ist aber auch nicht neu. Wir sind an dieser Umgestaltung allerdings auch schon zigmal gescheitert. Was soll denn jetzt die Lösung sein? Individualverkehr abschaffen, weil die Lithiumförderung so fies ist? Wir brauchen das Lithium sowieso, auch wenn alle PKWs verboten und nur noch Busse mit Akkus ausgestattet werden und zehnmal so viele Klein- und Großbusse wie bisher autonom durch die Gegend fahren. Statt die E-Mobilität schlechtzureden (von rechnen kann man fast gar nicht reden), müssen wir die Lithiumförderung umwelt- und menschenverträglicher machen. Die Chance, dass wir das schaffen, ist auf jeden Fall größer als bei der Förderung von Mineralöl, vor allem weil Mineralöl durch den CO2-Ausstoß niemals umwelt- und menschenverträglich werden wird.

Update (6.6.19):

Der WDR hat unter die YouTube-Version des Videos eine kleine Ergänzung gepackt:

"Liebe Community, an zwei Stellen waren wir in dieser Doku leider nicht genau genug. Wir sagen, dass in China bestimmte Rohstoffe (sogenannte Seltene Erden) für die Herstellung von E-Auto-Batterien abgebaut werden. Das ist nicht korrekt. Die Seltenen Erden werden zwar für die Produktion von E-Autos abgebaut, aber nicht für die Batterie, sondern für den Elektromotor. Außerdem sagen wir, dass viele deutsche E-Autos rund 100 kWh große Batterien haben. Bislang gibt es jedoch nur einen Audi mit einer solchen Batterie, erst demnächst kommen weitere deutsche Autos hinzu, u.a. von Porsche und BMW. Wir bitten, diese Fehler zu entschuldigen. Danke außerdem für die angeregte Diskussion in den Kommentaren!"

Der Audi hat 95 kWh, nicht einmal der Teil stimmt. Und die ganzen restlichen Aussagen scheint der WDR immer noch für die Wahrheit zu halten. 2019 argumentiert der WDR wie die Schwedenstudie auf 2017.

Update 2 (10.6.19):

Unbedingt auch als Ergänzung lesen:

Graslutscher: Wie eine ARD-Doku absurdes Zeug über Elektromobilität verbreitet und dadurch den Klimawandel verstärkt.

Der Titel ist jetzt nicht unbedingt meins. Aber der Artikel ist sehr ausführlich (ich hab mich ja nur um den Akku-Aspekt gekümmert). Er erwähnt vor allem auch den Punkt, dass an den Salzseen in Argentinien und Chile schon vor dem Li-On-Akku Sole abgepumpt wurde. Damals war Kalium das Ziel der Begierde und Lithium nur ein Nebenprodukt, heute ist es andersherum. "Seit 1996 wird aus dem Salar de Atacama Lithiumchloridlösung als Nebenprodukt der Kaliumchloridgewinnung erhalten. Zurzeit sind drei große Werke im Salar eingerichtet in denen Kaliumchlorid, Kaliumsulfat, Borsäure und Lithium-Sole gewonnen werden" (Wikipedia). Das Problem ist dadurch natürlich nicht weg und wird wohl auch drängender. Aber man sieht schön, wie manche Probleme, die zwei Jahrzehnte niemanden interessiert haben, plötzlich gaaaanz wichtig werden. Und wie andere (Öl) nahezu unter den Teppich gekehrt werden sollen.
Der Graslutscher geht übrigens auch auf den Aspekt der "Bevölkerungsdünne" an den Salzseen ein. Und schreibt ganz kühl: "wenn ich mir bei einer guten Fee wünschen könnte, in welchen Gebieten der Erde neue Erzadern für Zukunftstechnologien gefunden werden, ich würde mir ein paar extrem dünn besiedelte Wüsten aussuchen". Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Sehr lesenswerter Rund-Um-Schlag, der die ARD-Doku richtig auseinandernimmt.

Mein Lieblingschart zur Energiewende

Das ist mein absoluter Lieblingschart zur Energiewende.

(c) Auke Hoekstra, Quelle unten.

Die dicke schwarze Linie ist die real zugebaute Kapazität im entsprechenden Jahr (also 2017: 75 GW mehr PV-Kapazität, 2018 ca. 110 GW, …). Und die farbigen Linien sind die Prognosen die Internationalen Energie Agentur (IEA), die im wesentlichen von 2002 bis 2010 eine ganz leicht ansteigende Neukapazität pro Jahr erwartete. Und danach eigentlich nur noch Stagnation bzw. Rückgang des Zubaus an neuen Photovoltaikanlagen. Die schwarze Kurve zeigt schön, dass die IEA in einem Ausmaß danebenliegt und das Jahr für Jahr und nun schon seit fast zwei Jahrzehnten. So weit und konsistent, dass man sich schon fragen muss, was die Experten da so treiben. Vor allem, weil die Prognose in den letzten drei Jahren noch weiter von der Realität abweichen als früher.


Bekommt da niemand mit, dass Photovoltaik immer preiswerter wird? Dass in immer größeren Teilen der Erde Strom aus Photovoltaik die *billigste* Energiequelle ist? Klar, die Speicherung des Stroms für die Nacht ist weiterhin ein Problem. Aber in den Entwicklungsländern ist ein Kühlschrank, den man tagsüber "vorkühlt", halt viel besser als kein Kühlschrank (Eis hält Kälte übrigens sehr gut; wenn man da nicht zehnmal abends ein Bier holen geht und die Türe öffnet, bleibt ein Kühlschrank locker über Nacht kalt genug). Auch der Herd wird meist tagsüber benutzt. Oder eine Klimaanlage (wenn man sich diesen Luxus leisten kann). Abend und nachts braucht man dann nur sehr wenig Strom. Licht braucht seit dem Einsatz von LEDs kaum Strom. Und selbst ein abendlicher Großverbraucher wie Fernseher braucht nur noch 25 Watt (24") oder 40 Watt (32"). Sprich, man kann in Entwicklungsländern gut auf ein akzeptables Komfortniveau kommen, auch wenn man sich nur mit Photovoltaikstrom versorgt. Denn je näher man an den Äquator kommt, desto stärker wird die Sonne. Und noch wichtiger: Die Sonne wird zuverlässiger. Es gibt dort in den meisten Regionen das ganze Jahr Sonnenstrom und die Ertragsschwankungen zwischen Sommer und Winter sind sehr überschaubar, der Ertrag bricht nicht wie hier hoch im Norden im Winter auf ein Zehntel zusammen.


Was die Photovoltaik nun noch weiter anschiebt: Akkus werden billiger und zwar aktuell mit einer Dynamik, die an die besten Zeiten des Preisverfalls bei Solarzellen erinnert. Die Kosten für Photovoltaik + Akkuspeicher sind inzwischen so niedrig, dass in Kalifornien schon (existierende und abbezahlte) Gaskraftwerke für die Spitzenlast abgeschaltet und durch PV+Akkuspeicher ersetzt werden. Wir reden inzwischen also nicht nur von einer unzuverlässigen (weil schwankenden) Energieerzeugung für Entwicklungsländer, die bisher keinen Strom hatten, sondern von einer Alternative auch für hochentwickelte Regionen wie Kalifornien.

Hier erklärt Auke Hoekstra die Methodik hinter dem Chart un die Datenbasis: Photovoltaic growth: reality versus projections of the International Energy Agency – with 2018 update (by Auke Hoekstra) | Steinbuch)

MIKROPLASTIK IN KOSMETIK! VERBIETEN! RIESENPROBLEM!

Weil voll gefährlich, belastet die Umwelt, vergiftet die Natur und vor allem die Fische. Was soll das Zeug auch in Duschgels, Peelingcremes, … ?

Stimmt auch, aber wie schon beim Strohhalm-Verbot kümmern wir uns (und/oder die Medien) um etwas, was im Vergleich zum Gesamtproblem total unwichtig ist. Und nein, ich versuche nicht blöd zu relativieren, aber Mikroplastik in Kosmetik ist wirklich total irrelevant.

Zahlen?

Eine neue Metastudie der Fraunhofer Instituts Umsicht in Oberhausen hat verschiedene andere Studien unter die Lupe genommen und um eigene Schätzungen erweitert. Die StudienautorInnen schätzen, dass sie etwa 75% des Mikroplastiks erfasst haben.

Mikroplastik in Kosmetik steht für 19 Gramm Mikroplastik pro Einwohner pro Jahr. Natürlich addiert sich das alles auf, sammelt sich in der Umwelt an, etc. pp. Aber bei einer Gesamtmenge von etwa 4 Kilogramm Mikroplastik pro Einwohner pro Jahr scheint mir das Hauptproblem doch woanders zu liegen …

Grundsätzlich scheint *absichtlich* erzeugtes Mikroplastik nur eine Randerscheinung zu sein und steht nur für etwa 10% des Mikroplastiks, das in die Umwelt gelangt. Die restlichen 90% stammen aus dem Zerfall von normalem Plastik, z.B. aus Abbrucharbeiten, Kompostisierung/Zersetzung von Plastik, oder schlicht durch den Gebrauch normaler Produkte aus Plastik.

DER große Faktor ist dabei der Straßenverkehr. Dieser steht für fast 1,5 Kilogramm Mikroplastik pro Jahr pro Einwohner; gut 1,2 Kilo aus den Reifen (1 Kilogramm Mikroplastik aus PKW-Reifen, knapp 100 Gramm durch LKW-Reifen) und gut 220 Gramm aus dem Asphalt. Kleines Info-Nugget: 18 Gramm kommen aus Skateboardrollen (und ähnlichen Rollgeräten), also fast genauso viel aus wie Mikroplastik in Medikamenten.

SKATEBOARDS VERBIETEN!

Und wenn wir dabei sind, gleich auch Besen (u.a. von Straßenkehrmaschinen), diese bringen etwa doppelt soviel Mikroplastik in die Umwelt ein wie Kosmetika, Kunstrasen-Fußballplätze gut fünfmal soviel, Schuhsohlen fast sechsmal soviel.

Fraunhofer UMSICHT: Kunststoffe in der Umwelt: Mikro- und Makroplastik PDF)

Ich bin über die Unwichtigkeit von Mikroplastik in Kosmetika so überrascht, dass ich dafür sogar mein halbdormantes Blog wieder auferstehen lasse ;) Man hört sich im Mikroökonomen Podcast :) .

Durchschnittliche Zollsätze USA <-> EU. Keine Ungerechtigkeit zu sehen, Herr Trump.

Über was reden wir hier eigentlich, wenn Trump über die Benachteiligung der amerikanischen Industrie gegenüber anderen Ländern schwadroniert (eine neutralere Formulierung schaffe ich nicht …)?

Er erzählt viel und jammert viel. Über Zölle, die China nimmt. Dass die Deutschen so viele Autos in den USA verkaufen. Etc. pp.

Trump rührt dabei aber (wie so häufig) viele Sachen in einen Topf, die nicht zusammengehören.  Dann kann ein Zoll, den China auf US-Autos nimmt eine Begründung für Zölle auf deutsche Autos sein? Nein. Schauen wir uns doch mal an, wie hoch die Zölle zwischen der EU und den USA in der Praxis sind:

Durchschnittliche Zollsätze:

Agrarprodukte USA --> EU: 4,87%; EU --> USA: 7,94%.
Industrieprodukte: USA --> EU: 3,48%; EU --> USA 3,45%.

Durchschnittliche Zollsätze (gewichtet nach dem real existierenden Handelsvolumen):

Agrarprodukte USA --> EU: 3,89%; EU --> USA: 2,62%.
Industrieprodukte: USA --> EU: 2,79%; EU --> USA 2,82%.

Der große Unterschied zwischen dem gewichteten und ungewichteten Zoll auf Agrarprodukte, die von der EU in die USA exportiert werden, ist der sehr hohe Zoll von über 80% auf Tabakprodukte und Schnaps. Diese Produkte werden (aufgrund des hohen Preises) in den USA kaum gekauft, also spielen sie nach realen existierenden Handelsvolumen nur eine kleine Rolle.

Zusammengefasst unterscheiden sich die Zölle zwischen den USA und der EU nur unwesentlich. Und sind auch generell ziemlich niedrig. Daher ist jede Zollerhöhung, die Trump gegen die EU richtet, ein Affront. Es gibt eigentlich keinen Grund dafür. Zumindest liegt es nicht an den Zöllen oder irgendeiner Ungerechtigkeit …

Konrad Adenauer Stiftung: Bestehende Handelsbarrieren (PDF)

Wenn Trump ein Ziel haben sollte: China. (Die trifft er aber mit dem Zoll auf Stahl und Aluminium kaum, China gehört nicht einmal zu den zehn größten Stahlimporteuren der USA). Denn dort gibt es große Ungleichheiten. Elon Musk hat heute Nacht per Tweet darauf hingewiesen: China nimmt 25% Zoll auf Autos aus den USA, die USA nehmen in der Gegenrichtung nur 2,5%. Das dürfte nur ein Beispiel aus einer langen Liste sein. Auch bei der Firmengründung ist das Verhältnis sehr schief. Autofabriken in China gründet man als Ausländer nur mit einem Joint-Venture-Partner vor Ort. Tesla versucht es gerade ohne chinesischen Partner und scheitert (anscheinend). In der Gegenrichtung gibt es solche Einschränkungen nicht. Die chinesischen Autofabriken in den USA gehören der chinesischen Mutter zu 100%. *DA* könnte Trump was machen. Stattdessen legt er sich mit seinen Verbündeten an. Verstehe das, wer will …

Handelsblatt: Elon Musk unterstützt Trumps Forderung nach Auto-Zöllen


Update (13:19):

Aber was will man auch von Trump erwarten, wenn er sich darüber freut, dass China angeboten hat, seinen Handelsüberschuss mit den USA um eine Milliarde zu reduzieren? Das ist weniger als ein Prozent des Defizits. Also ein Prozent würde Deutschland bestimmt auch anbieten, wenn Trump dann Ruhe gibt. Im Notfall machen wir das mit Craft-Bier-Importen und Freibier im Stadion …




Update 2 (11.3.2018):

Noch eine andere Datenquelle, alle Importe Europas und der USA (also nicht nur die zwischen der EU und den USA):



Datenquelle: World Bank: Tariff rate, applied, weighted mean, all products (%)

gefunden via:

Schaden durch Pokémon Go bei 2 bis 7,3 Milliarden Dollar für die USA? Fast 30.000 Verletzte? 256 Tote?


Interessantes Paper von Mara Faccio und John J. McConnell, beide an der Krannert School of Management an der Purdue University.

Die beiden Wissenschaftler haben versucht, die Auswirkungen von Pokémon Go auf Verkehrsunfälle zu berechnen (und auch in ökonomischen Schaden umzurechnen).

Errechnet haben Faccio und McConnell den Anstieg über Unfälle an Kreuzungen. Dazu wurden Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt: Die PokéStops (an denen ich kämpfen bzw. sammeln kann) kamen aus Pokémon Maps, die Unfälle (Ort, Schaden, Ursache, Anzahl Verletzte bzw. Tote) aus den Unfallberichten der Polizei (vor und nach dem Launch von Pokémon Go) und die Kreuzungen aus OpenStreetMap. Dann haben sich die Autoren angeschaut, wie sich die Unfallzahlen an den Kreuzungen in der Nähe eines PokéStops und wie an Kreuzungen weit entfernt von einem PokéStop in den beiden Zeiträumen entwickelt haben. In den Nähe eines PokéStops stiegen die Unfälle nach dem Launch von Pokémon Go pro Kreuzung von 0,005989 auf 0,007667 pro Tag (+0,001678 oder +28%), weiter entfernt nur von 0,002015 auf 0,002155 (+0,00014 oder +6,9%).

Neben dem deutlich überproportionalen Anstieg fällt auf, dass PokéStops oft in der Nähe von schon immer unfallträchtigen (weil wahrscheinlich belebten, verkehrsreichen Kreuzungen) liegen. Man mag einwenden, dass das unter Umständen verfälscht, allerdings sind die beiden Wissenschaftler anscheinend ziemlich ordentlich vorgegangen. Ich will kurz beschreiben, wie:

Faccio und McConnell haben unter anderem versucht, den Einfluss der Semesterferien an der Uni Purdue herauszurechnen, die in die 148 Tage des Zeitraums nach Einführung von Pokémon Go fielen.
Auch wurden PokéStops, in deren Nähe man während des Autofahrens spielen kann (weil man nur Gegenstände einsammelt), und PokéStops (sogenannte "Gyms"), in deren Nähe man während des Autofahrens de fakto nicht spielen kann (weil man kämpfen muss; das dauert schlicht zu lange), gesondert untersucht. Es zeigt sich: Die Unfallzahlen in der Nähe der "Gyms" stiegen viel weniger stark; es scheint also wirklich an den Stellen zu hängen, wo man während des Autofahrens Pokémon Go spielen kann.
Auch ein anderer Check zeigt in die richtige Richtung: Wenn man die Monate einzeln analysiert, passt die Zahl der zusätzlichen Unfälle durch Pokémon Go ganz gut zu den offiziell bekanntgegebenen Nutzungszahlen des Spielebetreibers Niantic; stärkster Anstieg von im Juli, dann wieder leicht sinkend).
Sogar über den Einfluss von Tag und Nacht haben sich die Verfasser Gedanken gemacht.
Sie haben auch den Umkreis um den PokéStop variiert: Statt ein 100-Meter-Kreis (in dem man spielen kann) wurde ein "Ring" von 100 bis 500 Metern um den PokéStop (was definitiv zu weit weg ist) untersucht: Damit sollte man die Änderung der Verkehrsdichte in dieser "Ecke" der Stadt erfasst haben, aber Pokémon während der Fahrt spielbar vs. nicht spielbar drin haben: Es zeigt sich: gleiches Ergebnis wie in der Gesamtstudie.
Ebenfalls stabil bleiben die Korrelationen, wenn Unfälle mit Fußgängern aus den Daten genommen werden.
Kurz: Die ganze Studie scheint methodisch sauber und robust zu sein (wer zweifelt, kann sich die oben nur kurz angerissenen "Robustheits-Checks" in Kapitel 5 der Studie en detail anschauen).

Was errechnet sich für Tippecanoe County, Indiana? Fast 47% der 286 zusätzlichen Unfälle im Zeitraum der 148 Tage 2016 gehen auf Pokémon Go zurück. Dadurch entstand ein zusätzlicher materieller Schaden von 498.567 Dollar (+22%) (Zahl direkt aus den Polizeiberichten), es gab 31 zusätzliche Verletzte (25% mehr --> 988.621 Dollar Schaden) und 2 Tote zusätzlich (3,8 Millionen Dollar "Schaden"; ich will jetzt eigentlich nicht diskutieren, ob ein Menschenleben mit 1,9 Millionen Dollar Schaden "sinnvoll" bewertet ist; irgendeine Zahl muss man annehmen, wenn man den Schaden in Geld umrechnen will; wer sich für die Details interessiert, kann Seite 24 und 25 der Studie lesen. Man kann problemlos auf deutlich höhere Zahlen von 6,9-13,8 Millionen Dollar pro Todesfall kommen). Frage ist eher, ob man das überhaupt machen muss oder ob nicht allein die Aussage "2 Tote zusätzlich" reicht …)

Auch wenn die Datenbasis der Studie relativ klein ist (Nur 148 Tage (6. Juli 2016 - 30. November 2016), nur 930 PokéStops), schreit das Ergebnis aus Tippecanoe County, Indiana danach, es auf die ganze USA hochzurechnen. Diese haben die Autoren aber nicht mehr so detailliert abgeleitet wie im Tippecanoe County, sondern sie haben einfach den Anstieg der Unfallzahlen und der entsprechenden materiellen Schäden (+25%), der Zahl der Verletzten (+22%) und Toten auf die gesamte USA hochgerechnet. Die Gesamtzahl für die USA ist ja bekannt, der Anstieg ist bekannt und davon lassen sich die absoluten Zahlen errechnen: So kommt man landesweit auf zusätzlich 29.370 Verletzte und 256 zusätzliche Tote innerhalb des Zeitraums von 148 Tagen, die auf Pokémon Go zurückzuführen sind. Der Gesamtschaden (inkl. des relativ überschaubaren Anteils an harten materiellen Schäden) läge somit bei 2 bis 7,3 Milliarden Dollar, natürlich stark davon abhängig, wie man den Schaden von Verletzten und vor allem von Toten in Geldbeträge überführt.

Übrigens, auch den Schaden für alle haben die Autoren versucht zu errechnen: Die höhere Anzahl der Unfälle verteuert nämlich die Autoversicherung und zwar um geschätzte 9,86 Dollar pro Jahr …

Die Studie: DEATH BY POKÉMON GO (PDF) oder Web:

Auf jeden Fall eine interessante Studie; mal schauen, wie robust sie ist, wenn sie von anderen Wissenschaftlern kritisch unter die Lupe genommen wird.

P.S. Ich sollte hinzufügen, dass man die Zahlen nicht auf längere Zeiträume hochrechnen kann. Erstens hat Niantic eine Funktion nachgeliefert, die die Nutzung der App ab einer gewissen Geschwindigkeit (Fahrrad klappt noch, Auto ist zu schnell) verhindert, zweitens sind die Nutzerzahlen doch um einiges gesunken (wenn auch durchaus noch relevant)

Update (28.11.17):

Die FAZ hat die Studie auch, erklärt mehr was Pokémon Go ist (was ich natürlich voraussetze, meine Leser sind ja nicht 75 …), und fragt sich weniger, ob die Studie Hand und Fuß hat. Dafür aber viel besser zu lesen als mein Geschreibsel: Wie tödlich ist Pokémon Go?

Wirtschaftsnobelpreis für Richard Thaler - Ein paar Podcasts und Links …


Gute Wahl, IMHO.

Die Behavioural Economics aka Verhaltensökonomie hat immerhin an einen Pfeiler der "Mainstream"-Ökonomie die Axt angelegt … Menschen sind bei vielen wirtschaftlichen Entscheidungen im Leben nicht rational, selbst wenn sie über alle Informationen verfügen (was ja auch nur selten der Fall ist). Der "homo oeconomicus" ist oft nur eine weltfremde Annahme, um die darauf basierende Modelle einfach zu halten. Ob die Modelle wohl noch was taugen, wenn die Grundannahme schon falsch ist?

Menschen verhalten sich nicht rational. Wenn sie es erst einmal was besessen haben, wollen sie es nicht wieder abgeben (auch wenn der finanzielle Verlust ausgeglichen würde). Wenn man Systeme als "Opt-In" statt "Opt-Out" gestaltet, sinken die Teilnahmequoten an Systeme (andersrum steigen sie): Organspender als "Opt-Out" (also man ist standardmäßig Organspender) führt zu Teilnahmequoten von 80, 90 oder noch mehr Prozent. Organspende-Systeme mit "Opt-In" liegen deutlich niedrig. Auch Aktienkurse ergeben sich nicht rein rational, Aktien mit positiver Performance bekommen mehr Aufmerksamkeit und werden mehr gekauft. Manchmal beeinflusst allein der Name Investmententscheidungen (Obama lockert Sanktionen gegenüber Kuba, ein Fonds mit dem Tickersymbol "CUBA" steigt).

Der umstrittenste Teil von Thalers Forschung ist das Nudging (den Begriff hat er geprägt, sein erstes Buch heißt so: Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt). Hierunter versteht man das "Anstupsen" von Menschen, um sie zu besserem Verhalten zu bringen … Und das mit einem "freundlichen" Stupsen, nicht mit einem Verbot. Hier startet gleich die Diskussion um die Wirkung ("sei doch wirkungslos") oder auch mit der gängigen Staatsskepsis ("der Staat soll mich nicht schuppsen"). Nur muss man an diesen Stellen auch dagegen fragen: Soll sich der Staat ganz raushalten? Oder soll der Staat gleich verbieten? Das betrifft solche Entscheidungen wie das Organspendesystem (siehe oben), aber auch der Altersvorsorge (Opt-In vs. Opt-Out). Oder auch Steuern oder Warnhinweise auf Tabak, Alkohol oder Zucker. Meine Meinung: Funktioniert manchmal, manchmal auch nicht. In vielen Fällen würde ich es erstmal mit Nudging probieren, bevor ich einfach verbiete.

Aber selbst wenn man dem Nudging grundsätzlich skeptisch gegenübersteht, den Nobelpreis gab es eh nicht dafür, sondern für die Grundlagenforschung.

Genug der Rede, ein paar Links:

Podcasts:

NPR: Predictably Unpredictable: Why We Don't Act Like We Should (25 Minuten) (Wenn man nur eines hört, dann den).

MiB: Richard Thaler on the Human Side of Economics (69 Minuten Podcast von Barry Ritholtz mit Richard Thaler)

Und ein sehr alter Podcast von 2006: Econtalk: Richard Thaler on Libertarian Paternalism (62 Minuten)

Freakonomics Podcast über eine spezielle Anwendung von Thalers Forschung: Fighting Poverty With Actual Evidence: A New Freakonomics Radio Podcast (39 Minuten): Frage: Ist es sinnvoll Menschen in Armut Geld zu geben (und sie selber entscheiden zu lassen) oder Menschen ein Investment zu geben (Kuh, Auto, Computer, …)

Artikel:

Und für alle, die immer noch nicht davon überzeugt ist, dass Podcasts besser sind als selber lesen ;) noch ein paar Artikel:

Von Tyler Cowen, inkl. Links auf gefühlte 32 Stunden weiterer Lektüre: Marginal Revolution: Nobel Prize awarded to Richard Thaler

Bloomberg (Von Barry Ritholtz): An Economics Heathen Wins the Economics Nobel

Bloomberg (von Michael Lewis): The Economist Who Realized How Crazy We Are

Und nochmal Tyler Cowen: Why Conservatives Should Celebrate Thaler's Nobel (interessante Perspektive, weil Nudging meistens als liberales Konzept begriffen wird).

Update (10.10.2017):

Wie zu erwarten war, trudeln noch eine Menge Links ein. Daher noch mal ein Update …

Als erstes muss ich die offizielle Erklärung zur Preisvergabe verlinken:

Press Release: The Prize in Economic Sciences 2017 - Integrating economics with psychology

Darin braucht man nur die drei Zwischenüberschriften zu lesen, um eine Idee zu bekommen, warum und wofür Thaler den Nobelpreis bekommen hat:

"Limited rationality", "Social preferences", "Lack of self-control". Und nur bei letzterem spielt "nudging" eine Rolle, aber interessanterweise nur als "may help people exercise better self-control". Vom Staat ist dabei nicht die Rede. Daher gehen IMHO viele der Kritiken an der Preisvergabe in die falsche Richtung, weil sie sich ausschließlich auf dieses Element beziehen: Nudging durch den Staat.

So zum Beispiel diese:

Welt: Ein Schubser vom Staat ist auch keine Lösung (einfach mal so postuliert. Wie man CO2 oder Alkoholverbrauch senken kann, ohne über Steuern zu "nudgen", bleibt unklar. Aber kritisieren ist halt einfacher als an Lösungen zu arbeiten, sprich zu forschen, was funktioniert und was nicht).

Ähnliche Kritik gilt auch an diesem Artikel in der Wiwo: Wiwo: Lass! Dich! verführen!, angepriesen durch diesen Tweet:

Zugegeben, der Artikel ist besser als der Tweet. Im wesentlichen wird die These vertreten, dass dem Nudging ein negativer Menschenbegriff zugrunde liegt, also in die Richtung "Der Mensch ist doof". An dem Argument ist was dran. Allerdings würde ich dieses Argument auch gerne konsequent durchdekliniert sehen, wenn es als Argument gegen das BGE demnächst wieder heißt, dass das bedingungslose Grundeinkommen nicht funktionieren kann, weil der Mensch faul sei (und aus diesem Grund auch hinter Hartz IV Zwang stehen müsse).

Die ganzen Zusammenhänge zwischen "Liberal" und "Bevormundung", zwischen "Freiwilligigkeit" und "Verbot" in der Politik und des Nudgings im speziellen dröselt dieser lange, durchaus anspruchsvolle Artikel in der NZZ gut auseinander:

Mir wären ein paar Artikel zur Vorstellung der Arbeit von Thaler lieber gewesen, dieser im Atlantic ist zum Beispiel gelungen:
The Atlantic: Richard Thaler Wins the Nobel in Economics For Killing Homo Economicus

Vielleicht lässt man Thaler einfach selber reden, die Bücher lesen sich gut, aber auch die Kolumnen-Beiträge in der New York Times machen Spaß, zum Start vielleicht diesen: NYT: Unless You Are Spock, Irrelevant Things Matter in Economic Behavior. Darin das schöne Beispiel der Altersvorsorge in Dänemark, wo Steuergutschriften und automatisches "Roll-In" zur Altersvorsorge verglichen wurden; Ergebnis: Steuergutschriften funktionieren nur sehr eingeschränkt, automatisches Roll-In hingegen bombastisch. Nett auch die Anekdote, warum es in seinen Klausuren 137 Punkte zu erreichen gibt und nicht 100 … (Auch die anderen Artikel sind voll mit solchen Anekdoten).

Man sieht schon, dass Nudging funktionieren kann, auch wenn es nicht immer funktioniert und das auch nicht verspricht. Aber es spricht nichts dagegen, damit weiter zu experimentieren, auch wenn es in der Politik ungerne gesehen wird, wenn man mit Experimenten scheitert, weil man in der Politik grundsätzlich nicht scheitern will. Muss man aber … Experimente funktionieren halt so (man schaue sich mal das BGE-Experiment in Finnland an: Einfach mal 5.000 Menschen ein BGE geben und schauen. Daten sammeln, analysieren und überlegen, ob ein BGE funktionieren kann, wie man es gestalten muss, etc. pp.)

Mein Lieblingsnudge für die Elektrfizierung des Straßenverkehrs wäre übrigens: E-Roller bekommen 60 km/h Höchstgeschwindigkeit (statt der aktuell üblichen 45 km/h; Bremsen müssen natürlich auch ausgelegt werden). Ende. Man nimmt keinem Verbrenner-Roller-Fahrer etwas, man muss nicht einen Cent in die Hand nehmen, man gibt nur dem Käufer des teureren E-Roller-Fahrers einen Zusatznutzen. Nudging funktioniert nicht? Der Staat kann nichts machen, ohne Leute zu bestrafen? I beg to differ🤘

Dann gibt es noch einige Kritik, die die Verhaltensökonomie grundsätzlich für "unwissenschaftlich" zu sehen (weil Psychologie auch unwissenschaftlich ist (durchaus was dran)) und keinerlei Aussagekraft zum Beispiel für Finanzkrisen zu sehen. Stimmt, aber darum geht es bei Verhaltensökonomie auch nicht. Es geht um Mikroökonomie, darum das Verhalten des Einzelnen zu erklären , nicht um Makroökonomie und Konjunkturzyklen von ganzen Volkswirtschaften. Irgendwann mag sich darauf eine Art "Grand Unifying Theory" ergeben, aber davon ist die Ökonomie noch viel weiter entfernt als die Physik. Auch scheint Einigen unklar zu sein, dass die Ökonomie immer noch zu den Sozialwissenschaften gehört, egal wie viel Mathematik normalerweise in die Modelle eingebaut wird. Auch ein Experiment, auch eine Beobachtung ist was wert, auch wenn zur Erklärung der Ergebnisse noch nicht in ein Modell gegossen werden kann. Manchmal gibt es Nobelpreise für eine Theorie, ein Modell, manchmal gibt es Nobelpreise für die Beobachtung ("Gravitationswellen"). Und manchmal gibt es halt auch Nobelpreise für den Nachweis, dass etwas NICHT so ist, wie zum Beispiel der Homo Oeconomicus …

Update 2 (15:31):

Noch ein netter Richard-Thaler-Zitate-Überblick von Patrick Bernau: FAZIT: Richard Thaler in Quotes, u.a. weil ich darin dieses Interview mit Thaler gefunden habe: Minneapolis Fed: Interview with Richard Thaler

Und für alle, die lieber ein Video mit Thaler sehen wollen (und denen Thalers Auftritt in The Big Short" (Ausschnitt) entgangen ist ;) ):



Und wer mal eine lange, fundierte Kritik (und Lob) lesen möchte: A fine theorem: The 2017 Nobel: Richard Thaler.
Und zum Schluss noch eine Würdigung von einem, der versucht Behavioural Economics auch in die Makroökonomik einzubauen: Roger Farmer: And the 2017 Economics Nobel Prize goes to ...

Das war's jetzt aber endgültig. Voraussichtlich. Hab ja nie behauptet, rational zu sein …

Okay, hier noch ein langer Artikel von "Plurale Ökonomie": Behavioral Economics. Und wem das noch nicht reicht: Am Ende des Artikels gibt es Links auf (Online)-Kurse, in denen man das Thema noch weiter vertiefen kann.

Mikro059: Versichere richtig, das ist wichtig …

Damit dieser Blog nicht komplett einschläft …

Marcos und mein neuer Podcast ist online. Wir reden über ICOs, Carl Icahn und Trump im Korruptionssumpf tummeln, und wie die staatliche Flutversicherungen in den USA zur Katastrophe in Houston beigetragen hat.



Wir freuen uns auch immer über Kommentare drüben im Blog (uund auch über Stimmen im Comdirect Blogaward:

Mikro059

Google und Facebook - Das große Duopol im Online-Anzeigenmarkt wird immer duopoliger …

(Der FT Alphaville Artikel, über den ich das gefunden habe, benötigt leider eine kostenlose Registrierung), aber im Wesentlichen geht der Artikel eh nur auf einen Tweet zurück:


Die Zahlen für 2016:

Umsatzwachstum Gesamtmarkt: 12,9 Mrd. $. (IAB-Zahlen).
Umsatzwachstum Google: 6,3 Mrd. $ (Geschäftsbericht)
Umsatzwachstum Facebook: 5,1 Mrd. $ (Geschäftsbericht)
Bleiben als Umsatzwachstum für den ganzen Rest: 1,4 Mrd. $.

Das heißt, fast 90% des Wachstums gehen an Google und Facebook. Und der Gesamtmarktanteil der beiden Großen ist von 64,1 auf 72,5% gestiegen.

Das hat mit Marktwirtschaft nicht mehr so wahnsinnig viel zu tun …

Eine andere Berechnung eines Analysten von Pivotal Reserach kommt auf einem ähnlichen Weg auf noch krassere Zahlen:



Marktanteil des Duopols 2016 danach sogar 77%. Und satte 99% des 2016er-Wachstums gingen an Facebook und Google.

Das ist nicht gut …

Neue Folge unseres Podcasts - Mikro038 - Chaos (logisch, wir sprechen über Trump, Globuli und die Bahn ;) )

Weil wahrscheinlich noch nicht alle "drüben" abonniert haben, empfehle ich mal wieder kurz eine neue Folge des Mikrooekonomen-Podcasts mit @mh120480 und mir.

Mikro038 Chaos

Es geht um Trumps Vorschläge für den US-Haushalt 2018 und die Ideen zur Neugestaltung des Gesundheitssystem (hier auch verbloggt), die in ihrer Radikalität deutlich schlimmer kommen als ich das gedacht hätte. Es gibt kurz was zu Tesla und einen langen Nachklapp zum Aufreger-Thema "Homöopathie - soll die Krankenkasse das bezahlen?" aus Folge37.

Viel Spaß beim Hören. Empfehlt uns weiter, hinterlasst möglichst viele Sterne in eurem Podcast-Player. Und folgt uns auch auf Twitter: @mikrooekonomen. #projekt100

Trump so far: Mehr Militär, mehr Abhören. Weniger Gesundheit, weniger Soziales, weniger Umwelt, weniger Wissenschaft. Das volle Programm :(



(Grafik via Trump budget cuts: U.S. federal funding 2018 - Washington Post)

Trumps neuer Budget-Vorschlag: Militär und Überwachung/Sicherheit rauf, alles andere runter. Arbeit, Bildung, Umwelt. Was in der prozentualen Grafik oben nicht deutlich wird: Beim Militär geht es um 54 Mrd. Dollar zusätzlich.

Dazu kommt jetzt noch das: Science: NIH, DOE Office of Science face deep cuts in Trump's first budget. Und die Kürzungen greifen wirklich breit, nicht nur in die Klimaforschung, sondern natürlich in "social science", aber auch in die Biotechforschung. In vielen Bereichen geht es um 20% oder mehr der Budgets der entsprechenden Forschungseinrichtungen.

Die Trumpsche Umverteilung endet hiermit natürlich nicht. Der große Brocken "Medicair" steht ja auch an. Und hier wird die Umverteilung noch absurder: Leistungskürzungen und Beitrittserhöhungen, die in den nächsten 10 Jahren 24 Millionen Amerikanern die Mitgliedschaft in einer Krankenversicherung kosten würden (womit dann wohl wieder etwa 20% der US-Bürger unversichert wären gegenüber etwa 10% aktuell). Das ganze spart über 800 Milliarden Dollar über die nächsten 10 Jahre ein, und wird … trommelwirbel … nach einigen Berechnungen fast vollständig an die Gutverdienenden zurückgegeben. So werden zwei "Zusatz"steuern für alle Paare mit Jahreseinkommen von mehr als 250.000 Dollar gestrichen: Eine 3,8%-Steuer auf Kapitaleinkünfte und eine 0,9%-Steuer auf Lohneinkommen. Einnahmen pro Jahr: 27 Mrd. Dollar, über die 10 Jahre 275 Milliarden. Dazu kommen noch einige Steuern, die die Pharma- und Healthcare-Unternehmen zahlen müssen, die dann ebenfalls wegfallen sollen. Dazu noch etwas Kleinkram, und alles zusammen macht dann 594 Mrd. Dollar. Es gibt Berechnungen, die sogar von 800 Milliarden oder mehr ausgehen. Aber auch die knapp 600 Milliarden Dollar sind äußerst bemerkenswert, v.a. wenn man berücksichtigt, dass fast die Hälfte (46%) direkt an Steuererleichterungen für die Top-1,5% der Einkommenspyramide gehen.

Da wird sich ehemalige Stahlarbeiter aus Pittsburgh aber freuen! Vor allem, wenn man die Einzelfälle berücksichtigt. Hier wird es nämlich nicht nur für Reiche preiswerter (wegen weniger Steuern), sondern auch für Arme teurer (weil Zuschüsse wegfallen). Zusätzlich ändert sich noch die Gebührenkalkulation in der Krankenkasse. Für Jüngere wird es preiswerter, für Ältere teurer. Das Handelsblatt nennt den Fall eines 60-Jährigen, der 20.000$ im Jahr verdient. Dieser erhält in Zukunft 5.000 (!!!) Dollar geringere Zuschüsse bei einem eh schon sehr geringen Gehalt. Es ist quasi unmöglich, das irgendwie über Einsparungen auszugleichen, kurz er wird aus der Krankenversicherung fallen.
Handelsblatt: Trumpcare und das Leiden von Millionen

The GOP’s Plan Is Basically a $600 Billion Tax Cut for Rich Americans

Es ist jetzt nun wirklich nicht so, als hätte ich nicht schlechte Dinge von Trump erwartet, aber was jetzt bis hierhin aus Finanzsicht sichtbar ist, übertrifft meine Befürchtungen …

Die einzige Hoffnung: Auch den Republikanern ist das alles viel zu heftig und sie lehnen es ab. Immerhin gibt es in zwei Jahren die Zwischenwahlen und da wollen einige wiedergewählt werden. Und dazu sind ein paar Millionen Menschen ohne Krankenkasse wohl nicht sonderlich hilfreich …

Update (17:32):

Die Zeit hat auch noch was: ZEIT: US-Haushaltsplan: Waffen statt Wohnungen

Update 2 (16.03.2017):

Die einzelnen Posten im US-Haushalt im Überblick mit prozentualer und absoluter Änderung:



Einige weitere interessante Links auch zum Gesundheitssystem hat Marco in die Shownotes zu unserer aktuellen Podcast-Folge eingetragen: Mikro038: Chaos, der hiermit empfohlen sei …

Update 3 (21.03.2017):

Noch zwei Nachklapps:

John Oliver zum Haushalt:



Und ein Blick auf die Kürzungen im Wissenschaftssektor, deren Auswirkungen weltweit zu spüren sein werden:

Motherboard-Vice: Wenn Trumps Haushaltsplan durchkommt, wäre das eine Katastrophe für die Wissenschaft

Und ein kurzes Streitgespräch zwischen zwei Ökonomen bei NPR:



Update 4 (22.03.2017):

Ein Nachklapp noch zum Reformvorschlag von Medicaid, den ich noch ganz wichtig finde: Die Krankenversicherung in den USA ist bekanntlich freiwillig. Man kann sich also auch entscheiden, sich nicht zu versichern. Das macht natürlich nur Sinn, wenn man richtig gut verdient (oder ein großes Vermögen besitzt); und wenn man dann das Glück hat, gesund zu bleiben (eigentlich deckt die Krankenversicherung ein so fundamentales Risiko ab, dass sich diese jeder kaufen sollte; aber gut, das mag man im Land der Freiheit anders sehen). Für alle Armen und Wenig- bis Normalverdiener macht es hingegen gar keinen Sinn auf die Krankenkasse zu verzichten; allerdings sind genau das die Menschen, die zwangsweise wegen zu hoher Beiträge aus der Krankenversicherung ausscheiden. Aus beiden Überlegungen heraus ist daher die reine Anzahl der Unversicherten nicht ganz aussagekräftig. Genau genommen müsste man noch nach den Einkommensklassen unterscheiden aus denen die Unversicherten stammen. Das war übrigens auch einer der wesentlichen Punkte, auf die Obama damals bei der Gestaltung des Affordable Health Care Act (aka Obamacare) explizit geachtet hat: Die Leute in die Krankenversicherung zu bekommen, die es vorher nicht bezahlen konnten. Und genau das will Paul Ryan wieder zurückdrehen. Zuschüsse für die Armen runter (von denen dann welche kündigen müssen), gleichzeitig die Zuschüsse der Größer-250.000-Dollar-Klasse abschaffen. Einige wenige profitieren (die Top 1,5-Prozent), viele zahlen etwas mehr (aber nun gut, es ist vergleichsweise neutral), aber ein paar Millionen müssen richtig leiden.


Gedanke aus dem empfehlenswerten "The Weeds"-Podcast von Vox u.a. mit Ezra Klein:

The Weeds: where does the Republican health plan go from here?.

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