Die Singles sorgen für den Umsatzrückgang der Musikindustrie

Arstechnica rechnet hier schön eine alte These nach, die ich schon länger vertrete. Wenn man sich die Verkäufe über iTunes anschaut, sind die Zahlen eigentlich ziemlich gut. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Musikindustrie selber den Markt verkannt und verpennt hat.

Nun ist eine meiner alten Thesen, dass die Musikindustrie, die immer von Wenigereinnahmen in Milliardenhöhe spricht, schlicht die Wirklichkeit verkennt. Denn ich glaube, dass das Medienbudget im Gegensatz zum öffentlichen Gejammer ziemlich
konstant ist. Weil die Kids heute eben nicht nur Musik kaufen, sondern auch Klingeltöne, Computer- und Konsolenspiele und DVDs.

Die Medienindustrie heult immer rum, wenn in einem Bereich der Umsatz zurückgeht. Die guten Zahlen werden weit weniger öffentlichkeitswirksam lanciert.

Arstechnica hat jetzt schön nachgerechnet, dass der Umsatzrückgang bei der Musik vor allem darauf beruhen könnte, dass man über iTunes jeden Song einzeln kaufen kann und nicht mehr gezwungen wird, eine ganze CD zu kaufen. Ich kann mir den Hit, die ein oder zwei guten Songs einzeln kaufen und mir den Rest sparen. Und das machen die Leute auch.

Die Musikundustrie hatte in der alten Welt der physikalischen Güter ein massives Problem damit, eine CD mit zwei Stücken für 2 Euro rauszubringen. Die Kosten für die Herstellung, die Lagerhaltung, die Werbung und den Vertrieb waren einfach zu hoch.

Diese Probleme gibt es aber nicht mehr, wenn man digital vertreibt. Die Musikindustrie hat die Chancen, die darin stecken, leider nur ansatzweise verstanden.

a) Über Seiten wie MySpace ist ein Band aufbaubar. Und nicht nur für einen Tag oder Monat, sondern länger. Man muss die Single nicht über Nacht in Hundert Läden bekommen. Man muss keine Angst haben, dass die Single aus Mangel an Regalplatz nach 6 Wochen wieder aus den Regalen fliegt. Der Regalplatz ist jetzt unendlich! Längerfristiges Denken kann sich wieder lohnen.

b) Mit Single-Verkäufen erreiche ich eine Kundschaft, die mit CDs schon lange nicht mehr erreicht wurde. Die, die in den 80ern noch Singles gekauft haben. Wer 1,99 für einen Klingelton zahlt, kauft auch für 0,99 das richtige Stück!

c) Man muss nicht jeden Wald- und Wiesenkünstler ein Album produzieren lassen. Die meisten schaffen eh kein vernünftiges Album. Dann finanziert das Label der Band eben nur 2 Songs. Oder vier. Es müssen keine 10 mehr sein.

Wenn die Musikindustrie jetzt variables Pricing in iTunes fordert, ist das natürlich ziemlich schizo. Schließlich hat man früher auch immer 10 bis 12 Songs für 15 Euro verkauft. Auch wenn 8 bis 10 davon nur Füller waren. Da war auch nichts mit variablem Pricing.

Aber vor allem muss die Musikindustrie lernen, zuerst an den Kunden und nicht an sich zu denken. Und dessen Wünsche erfüllen. Und NICHT den Kunden für einen Kriminellen halten, den man bekämpfen und überwachen muss

Accounting for the big plunge in "music sales": the digital singles effect


Update (27.3.07): Eine New-York-Times-Story zum Thema Untergang der LP. Die ersten Labels fangen jetzt an, Acts nur noch für Singles zu signen. Der Artikel hat noch den netten Hinweis, dass das Album eh eine Erfindung ist, die erst in den 60er Jahren kam. Vorher war die Musik immer Single-orientiert. Wichtig sich zu merken: Auch vor dem Album gab's schon Musik ... http://www.nytimes.com/2007/03/26/business/media/26music.html/partner/rssnyt?pagewanted=1&_r=1


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