Die Unternehmensbilanzen sind gut in Form (oder etwa doch nicht?)

Einer der Gründe dieses Blog zu schreiben war die Beobachtung, dass manche Nachrichten und Informationen einfach untergehen. Das Schlimmste daran: Einige (falsche) Informationen werden zu Common Sense und sind dann nicht mehr aus den Köpfen wegzubekommen.

Zum Beispiel die Nachricht in der FAZ von heute: Leitzinssenkungen sind gut für die Börse. Stimmt im Schnitt. Schaut man sich aber die Details an, fällt auf, dass die Performance der Aktienmärkte sehr stark vom Zeitpunkt der Zinssenkung abhängt. Kommt diese rechtzeitig (vor einer Rezession) ist das in der Tat sehr gut für die Börse, kommt sie aber zu spät, geht die Spekulation nicht auf. Man kann dann mit Anleihen genausoviel Geld verdienen, nur mit viel geringerem Risiko.

Diese Gegenmeinungen möchte ich hier an dieser Stelle gerne bringen. Das mag unbequem sein, manchmal auch wirr (wie Saviano bei meiner ersten Erwähnung des Wortes "Weltwirtschaftskrise" meinte. Ich war allerdings nicht der Letzte, der das Wort dann benutzte), aber das ist es auch, was die Bloggerszene IMHO sein sollte: Ein Gegengewicht zu den klassischen Mainstreammeinungen.

Und nach diesen etwas grundsätzlichen Sätzen habe ich dann auch einen Common-Sense-Destroyer-Of-The-Day.

In der Financial Times findet sich ein Bericht, der untersucht, ob die Bilanzen wirklich in so guter Form sind, wie oft behauptet wird. Und siehe da: Wenn man langfristig zurückschaut, sieht das aktuell gar nicht sooooo dolle aus. Dieser langfristige Blick ist interessant, weil heute noch viel zu häufig mit 2000 verglichen wird. Damals war alles der komplette Wahnsinn. Nur weil das heute vergleichsweise seriös ist, heisst das aber noch lange nicht, dass wir wieder komplett nüchtern sind, vielleicht sind wir nur etwas weniger wahnsinnig.

Zurück zum Thema: Der Bericht untersucht die Bilanzqualität. Und diese ist bei weitem nicht so gut wie immer gesagt wird.

Zwei Beispiele:

a) Früher wurden so gut wie alle Güter abgeschrieben. Ob die mehr wert wurden oder nicht. In der Bilanz sank der Wert immer weiter. Das war extrem konservativ. Da diese Abschreibungen aber auch den Gewinn senkten und über das KGV als Multiplikator der Börsenwert sinkt, bilanziert man heute großzügiger. Teilweise, weil die Firmen die offensivere Version wählen, teilweise aber auch, weil der Staat die Regeln geändert hat (er bekommt so ja auch mehr Steuern, weil der Gewinn höher ist). Richtig auffällig wurde es bei den Goodwill-Abschreibungen, die man früher zwangsweise vornehmen musste, wenn man eine Firma teurer übernommen hatte als der Bilanzwert es hergab. Heute muss der Wert nur vermindert werden, wenn eine Wertermittlung das ergibt. Ansonsten bleibt der Wert so hoch in der Bilanz stehen. Über diese Abschreibungen, die unabhängig vom Wert entstanden (der sogar gestiegen sein konnte), entstanden in den Bilanzen tendenziell immer stille Reserven. Im schlimmsten Falle fehlen heute nicht nur diese stillen Reserven, sondern man hat im Gegenteil heiße Luft in den Wertansätzen.

Ich habe mal irgendwo gelesen, wieviel diese steuerlichen Änderungen zum Gewinnwachstum seit 2003 beigetragen haben. Ich finde es leider gerade nicht, aber es waren IIRC etwa 20%. Wir hätten heute bei gleichen Buchhaltungsrichtlinien ein KGV von 18 und nicht von 15. Die Gewinnqualität ist heute auf jeden Fall schlechter als vor ein paar Jahren.

b) Früher besaßen Fluggesellschaften noch Flugzeuge. Oder Speditionen LKWs. Heute ist das ganze Zeug geleast. Die Schulden sind also nicht mehr in den Bilanzen der Firmen, sondern bei den Leasingunternehmen. Wenn man jetzt meint, dass die Verschuldung der Unternehmen gesunken sei, tja, dann ist man leider etwas zu optimistisch. Im Gegenteil: Die Verschuldung ist sogar gestiegen.

Im Artikel kommen auch noch andere interessante Fakten:

Zum Beispiel haben die Unternehmen seit 1984 mehr über Dividenden und Aktienrückkäufe an die Aktionäre ausgeschüttet als sie verdient haben! Das hat sicherlich einen großen Teil zum historisch gesehen einmaligen Kursaufschwung von 1982 bis 2000 beigetragen. Das kann natürlich nicht auf ewig so weitergehen.

Der Artikel ist leider nur mit guten Englisch und vor allem einigen Wirtschafts-Know-How verständlich. Aber sich da durchzufressen lohnt sich.

Why balance sheets are not in good shape

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