Sektorrotation: Auch keine hilfreiche Anlagestrategie

Ich beschreibe erst mal kurz, was man unter Sektorrotation versteht (wer das weiss, kann bis zur nächsten Überschrift springen)

Der Konjunkturzyklus setzt sich immer aus bestimmten Phasen zusammen. Ganz simpel könnte man sagen: Aufschwung und Abschwung. Üblicherweise wird das aber etwas feiner zerlegt und zwar in:

a) Expansive Phase (Aufschwung)
b) Hochkonjunktur (Boom)
c) Rezession
d) Konjunkturtief

(aus wikipedia.de)

In der expansiven Phase sind die Zinsen niedrig, die Arbeitslosigkeit ist und Skepsis noch verbeitet. Durch die niedrigen Zinsen beginnen Verbraucher und Firmen aber, aufgeschobene Investitionen vorzunehmen.

Irgendwann schafft das Arbeitsplätze. Die Löhne steigen. Die Firmen verkaufen mehr und investieren daher in den Ausbau der Produktion. Die Stimmung ist bombig.

Durch den Anstieg der Nachfrage werden Preiserhöhungen einfacher und durch den Anstieg der Löhne auch notwendig und irgendwann schlägt das auf die Inflation durch. Die Notenbank beginnt die Zinsen zu erhöhen und die Konjunktur kippt weg. Wir landen in einer Rezession.

Nun sind alle skeptisch. Investitionen werden herausgeschoben, Arbeitsplätze wegrationalisiert. Lohnsteigerungen liegen unterhalb der Inflationsrate. Der Preisdruck lässt nach und die Notenbank kann die Zinsen wieder senken. Irgendwann greift das und Phase a) beginnt von Neuem.

Das ist natürlich stark verkürzt und beschreibt auch eigentlich zwei Zyklen: Den Konjunkturzyklus und den Zinszyklus. In der Praxis lässt sich das auch nie so deutlich beobachten, weil die Notenbank schon im Vorfeld versuchen wird, sowohl die Inflation wie auch die Rezession zu verhindern.

Anlegen im Konjunktur-Zins-Zyklus



Klassischerweise laufen in bestimmten Phasen des Konjunkturzyklus bestimmte Branchen gut und manche vergleichsweise schlecht. In der Phase der sinkenden und niedrigen Zinsen sind das z.B. die Banken. Im Boom sind das z.B. Maschinenhersteller, die dann vom Ausbau der Produktion profitieren. Im Abschwung empfiehlt die Theorie Konsumgüterhersteller ("Toilettenpapier braucht man immer") oder Pharmahersteller.

Nur wäre das hier nicht egghat's blog, wenn es nicht noch genügend Vorurteile gäbe, die ich wegräumen muss ...

Und deshalb: Sektorrotation funktioniert nicht. Punkt.

Das haben Stangl, Jacobsen and Visaltanachoti in einer Untersuchung festgestellt. Selbst unter der (unrealistisch) optimistischen Annahme, dass man weiss, in welcher Phase der Konjunkturzyklus gerade steckt (was keiner weiss; die letzten Rezessionen wurde alle nicht vorhergesagt), beträgt die Mehrrendite nur zwei Prozent. Und das vor Berücksichtigung der Kosten. Sobald man jetzt die Kosten für die Depotumschichtung in diese Rechnung einbezieht und nur kleine Fehler in die Prognose der Konjunkturphase einbaut, ist die Mehrrendite (das Alpha) schnell Null oder sogar negativ.

Die Autoren liefern auch direkt ein paar Erklärungsansätze: Bei der Untersuchung der Phasen und der angeblich sinnvollen Sektoren passte das nämlich gar nicht. Das allgemeine und tausendmal in der Mainstreampresse breitgetretene Wissen, in welcher Phase man was kaufen muss, stimmt schlichtweg nicht.

Die Untersuchung fand heraus, dass in vier der fünf Phasen (es liegt eine etwas andere Zerlegung des Konjunkturzyklus zugrunde) das allgemeine Wissen daneben liegt.

Wenn ich über die Gründe spekulieren darf:

a) Der Konjunkturzyklus ist heute viel weniger ausgeprägt als früher. Das liegt vor allem an den Notenbanken, die im Zweifelsfall viel früher mit Zinssenkungen gegen eine sich androhende Rezession vorgehen. Die aktuelle Phase ist ein hervorragendes Beispiel: Im 2. Quartal hatten wir noch 3,8% Wachstum in den USA und bereits im dritten beginnt die Notenbank die Leitzinsen zu senken. Die Notenbanken antizipieren Rezessionen also sehr früh. Der Konjunkturzyklus und der Zinszyklus haben sich weiter entkoppelt/verschoben.

b) Damit zusammen hängt der zweite Grund: Der Konjunkturzyklus ist heute bekannt. Die profitierenden Branchen auch (auch wenn's dann doch nicht stimmt). Also antizipieren die Marktteilnehmer hier ebenfalls und kaufen schon mitten in der Rezession die Papiere, die eigentlich erst in der ersten Phase des Aufschwungs profitieren (sollten).

Die Kurzversion ist wie so oft: Offensichtliche Strategien sind zu offensichtlich. Wenn sie jeder begriffen hat, werden alle versuchen, so früh wie möglich darauf zu reagieren. Und dann ist die Strategie auch schon wieder kaputt, weil der zeitliche Zusammenhang nicht mehr da ist.

Sector rotation: an investment dead end?

Direkter Link zum Paper

Unabhängig davon gibt es Investmentstrategien, die versuchen, die besten Sektoren nicht über die Konjunkturphase (statisch) abzuleiten, sondern dynamisch über den jeweils stärksten Sektor. Kurz: Man kauft einfach die Branche (und verwandte), die läuft. Über diese Strategien sagt die Studie nichts.

Kommentare :

  1. Faszinierend, einen alten Artikel zu lesen, und zu sehen, wie Menschen so daneben liegen können. ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So falsch finde ich den Artikel gar nicht ...(Richtig ist er natürlich trotzdem nicht). Denn die eigentliche Aussage, dass man mit Sektorrotation kein Geld verdienen kann, ist ja wohl richtig. Wenn man mit Sektorrotation (im Konjunkturzyklus) Geld verdienen will (also Alpha rausholen will), muss man den Konjunkturzyklus besser beurteilen als andere. Dann verdient man sein Geld aber nicht mit der Sektorrotation an sich, sondern mit einer besseren Konjunkturprognose. Das ist dann schon etwas anderes.

      Löschen
    2. Es gibt hier übrigens noch viel schlechtere Artikel ...

      Löschen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Sorry. Es sind leider keine anonymen Kommentare mehr möglich. Ich werde von mehr als 50 Spamkommentaren pro Tag geflutet und habe keine Lust, diese von Hand zu scannen, um darin alle drei Tage einen anonymen Kommentar zu finden, der veröffentlicht werden kann. Meldet Euch bitte an. Sorry für die Umstände.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore