Die US-BIP Zahlen mal auseinandergenommen ... Anschnallen bitte.

Wirtschaftswachtsum durch fallenden Dollar? Niedrige Inflation durch steigende Ölpreise?

Tauchen Sie ein in die Wunderwelt moderner Wirtschaftsstatistik ...

Eines ist ja klar: Das erste Quartal, das für meine Rezessionswette gilt, zählt gegen mich. Und bei der ersten kurzen Vorstellung der Zahlen habe ich ja schon darauf hingewiesen, dass das enorm hohe Wachstum von 3,9% vor allem auf einer Tatsache basierte: Es wurden nur 0,8% vom Bruttowachstum (4,7%) für die Inflation abgezogen (macht dann +3,9%). Das machte mich schon gestern skeptisch (s.hier: Rezessionswette: 0:1 : US-BIP im 3. Q 07 + 3,9%).

Barry Ritholtz weist darauf hin, dass das Brutto-Wachstum mit 4,7% sogar leicht unter dem Konsens (5,1%) lag. Allerdings reisst die niedrige Inflation das wieder raus. Diese wurde mit 2% erwartet und betrug im Schnitt der letzten 3 Jahre sogar knapp 3%. Das "wahre" Wachstum liegt also eher bei 2 bis 2,5%. (Übrigens sind die 0,8% extrem wenig, zum letzten und vorletzten Mal gab es einen solch niedrigen Preisdeflator 1998 und 1963(!))

Allerdings muss man nicht groß Manipulation schreien (hatte ich ja bereits angekündigt, dass das zwar so aussieht, aber in der Tat ist es völlig richtig berechnet. Die Realität spiegelt das trotzdem nicht korrekt wider ...

Diese niedrige Inflationsrate von 0,8% kommt auf äusserst obskure Weise zustande:

Beim BIP gehen alle im Lande erwirtschafteten Produkte und Dienstleistungen ein. Das "im Lande" ist wichtig. Also zu Beginn bitte alles, was irgendjemand in einem Land gekauft hat, addieren. Zwei Sachen müssen noch korrigiert werden:

a) Jetzt werden noch die Importe abgezogen (die sind in der Summe oben schon drin, sind aber nicht im Land entstanden und zählen daher nicht)
und
b) die Exporte addiert (die fehlen in der Summe oben, weil sie kein Inländer gekauft hat, es ist aber trotzdem im Inland erwirtschaftet worden).

Das ist so weit gut und richtig. Der komische Effekt entsteht jetzt, wenn man die Inflation berechnet. Diese Berechnung erfolgt nämlich analog.

Also vergleiche man die Produkte und die Preise und stelle fest, dass das alles (angenommene) 2 % teurer geworden ist. Weil ja die Exporte bei der Bruttowirtschaftsleistung addiert wurden, macht man das bei den Preisen auch. Steigende Exportpreise erhöhen also die Inflation. Aber jetzt anschnallen: Weil die Importgüter abgezogen wurden, zieht man die Preissteigerungen für die Importgüter auch ab. Zack!

STEIGENDE IMPORTPREISE FÜHREN ZU FALLENDER INFLATION!

Da muss ich erstmal durchatmen. Ein steigender Ölpreis ist also *gut* für die Inflation! Man muss das Öl nur im Ausland kaufen.

Gut, ich muss mich beruhigen ... Das ganze habe ich jetzt zwar nicht verfälscht, aber vielleicht etwas zugespitzt. Denn im Normalfall ist der Effekt ziemlich schwach.

Wenn ein Land eine in etwa ausgeglichene Handelsbilanz hat und die Preise für Importe und Exporte in etwa gleich stark steigen, ist der Effekt gleich Null. Hat ein Land wie die USA aber ein ausgeprägtes Handelsbilanzdefizit, ist der Anteil der Importpreise höher als der Anteil der Exportpreise. Die durch die steigenden Importpreise ausgelöste Abwärtskorrektur ist also immer größer als die Aufwärtskorrektur durch die steigenden Exportpreise. Noch stärker wird der Effekt logischerweise, wenn der Preisanstieg beim Export 4,x% beträgt und beim Import 8,x%. (Tabelle vier im Original-Statement, keine Ahnung, woher die +10,3% im Marketwatch-Artikel (s.u.) kommen).

Da die USA gerade den Dollar crashen lassen, dürften im 4. Quartal die Importpreise wieder stark wachsen und die Exportpreise vergleichsweise schwach steigen. Und das führt dann erneut zu einem höheren BIP.

Also wenn ich wegen eines so bescheuerten statistischen Effekts die Wette verliere ... Grummel ...

Inflation was low because oil prices surged

Der Marketwatch-Artikel greift übrigens zu kurz, weil er nur den inflationssenkenden Effekt der steigenden Importpreise erwähnt und den inflationssenkenden der steigenden Exportpreise vergisst. Es kommt also auf den Unterschied bei den Mengen und den Preisen von Importen und Exporten an.

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