Der Markt ist gegen uns - Wir sollten ihn einfach ignorieren!

So denkt die Finanzbranche gerade ...

Bei Zeitenwende.ch gibt es eine tolle Sammlung von Zitaten von Volkswirten und anderen Mitarbeitern von Banken und Versicherungen, die jetzt tatsächlich fordern, die Bilanzierung von Wertpapieren zu Marktpreisen abzuschaffen. Stephen King von HSBC (den ich eigentlich schätze) spricht von einer "Tyrannei der Märkte". Und Martin Sullivan beschwert sich darüber, dass die Finanzbranche ja so Verluste ausweisen müssen, auch wenn man gar nicht vorhabe, die Anlagen zu diesen niedrigen Kursen zu verkaufen.

Tja, dumm, aber man hat selten vor Sachen abzuschreiben. Man kauft ja nicht, wenn man sinkende Preise erwartet. Aber so ist das nun mal: Fällt der Wert, muss ich auch abschreiben.

Als wenn die Einordnung aller illiquiden Papieren als Level-3-Securities, die die Fed am Wochenanfang bekannt gegeben hat, nicht schon genügend Bewertungsspielraum (und damit Manipulationsmöglichkeiten) eröffnet hätte (siehe hier: Feds Märchen: Die Banken und die versteckten Verluste ...).

Was wollen die Banker denn noch?

Bilanzierung nach Gutdünken?

Genau die Banker, die nicht in der Lage waren, auch nur ansatzweise zu beurteilen, was das gekaufte Zeuch überhaupt ist, wollen jetzt die alleinige Macht über die Bewertung haben? Die meinen ernsthaft, dass die das besser beurteilen können als der Markt? Ernsthaft?

So viel Selbstbewusstsein hätte ich auch gerne ...

Aber ich bin mir fast sicher, dass die Forderungen der Banker noch umgesetzt werden. In der letzten Krise (dem Platzen der Internet/Übernahme-Blase) wurde auch die Regel abgeschafft, dass man den Goodwill der (viel zu teuer) übernommenen Firmen abschreiben *muss*. Danach konnte man den Wert der Firma bestimmen (= Wirtschaftsprüfer schätzt einen Wert), und wenn der nicht fiel, musste man auch nichts abschreiben. Wenn man will, so ähnlich wie bei einem Level-3-Wertpapier.

Die Regel wurde aber weniger gemacht, weil das realistischer ist, sondern weil es die Bilanzen der Firmen schonte. Im Abschwung nach 2001 hätte es sonst noch ein paar Firmen mehr zerlegt. Und es gibt noch einen weiteren Grund: Es erhöht den Gewinn und damit TATATATAAAA die Steuern. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ...

Ich merke das nicht zum ersten Mal an. Ein nicht geringer Teil der positiven Gewinnentwicklung des letzten Jahrzehnts geht auf solche Änderungen in den Bilanzierungsrichtlinien zurück, z.B. bei den Abschreibungen, z.B. bei der Bewertung von Assets, z.B. bei der Aktivierung von Entwicklungskosten (man kann teilweise oder sogar ganz z.B. die Entwicklungskosten eines neuen Automodells als Aktiva, also als Wert in der Bilanz aktivieren. Früher waren das schlicht Kosten und senkten den Gewinn, heute nicht mehr).

Aber was reg ich mich auf: Wenn Lehman sogar aus seiner sinkenden Bonität noch Gewinne zaubern kann, ist das oben genannte ja nur halb so schlimm (Lehman Brothers: Lug? Trug? Schein?).

Die Erkenntnis der ganzen Gruselgeschichten ist aber einfach: Die Bilanzen enthielten früher (zumindest im deutschsprachigen Raum) viele und hohe Reserven, heute ist daraus viel heiße Luft geworden. Wobei letzteres vor allem für die USA gilt, in Deutschland ist das Pendel nicht nicht so weit in diese Richtung geschlagen. Aber konservativ kann man die deutschen Bilanzen auch nicht mehr nennen. Zumindest nicht im Vergleich zu früher ...

Ein Kurs-Buch-Verhältnis von 1 zeigte früher eine günstige Firma an, heute nicht mehr unbedingt.

Zeitenwende.ch: Ausverkauf der freien Marktwirtschaft

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