Faktencheck: ARD: Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten?


"Die Herstellung eines 100-kWh-Akkus, notwendig für einer Reichweite von rund 400 Kilometer, verursacht eine Klimabelastung von 15 bis 20 Tonnen Kohlendioxid. Ein Wert, für den ein 6-Liter Mittelklassewagen mit Benzin- oder Dieselmotor bis zu 100.000 Kilometer weit fahren kann. Für die Produktion von Elektroautos werden sehr viele unterschiedliche Rohstoffe gebraucht."

a) "100-kWh-Akku": Bis auf das Tesla Model X und Model S hat kein Elektroauto einen 100 kWh-Akku. Selbst Top-Modelle von deutschen Konkurrenten (Audi eTron Mercedes eQC) liegen bei 80-90kWh (Korrektur: 95 kWh beim Audi). "Normalere" Autos wie der Hyundai ioniq oder Kona oder auch das Model 3 haben 50-75kWh oder weniger.

b) "notwendig für 400km Reichweite", bei obigen Zahlen entspricht das einem Verbrauch von 25 kWh/100km. Auch hier wieder ein Model X als Basis, ein 110.000€-Panzer (Spritmonitor: 23,1 kWh/100km). Das Model S liegt schon drunter (20,6 kWh). Normalere Elektroautos noch weiter darunter: Tesla Model 3: 17,2 kWh, Renault Zoë 16,3 kWh, Kona 15,9 kWh, ioniq 14,0 kWh.

c) "Klimabelastung: 15 bis 20 Tonnen Kohlendioxid". Zahlen stammen aus einer schwedischen Studie von 2017 (IVL). Die aber nichts selber berechnet hat, sondern die Ergebnisse anderer (logischerweise älterer) Studien zusammengefasst hat. Wo in Deutschland (hier im Film, aber auch bei "Starökonom" Hans Werner Sinn) gerne 150 - 200kg je kWh Akkukapazität genannt, stehen an der Quelle "40-240kg, average 160" (Seite 13) beim hier üblichen Batterietypen NCM. Wieso diese wahnsinnig große Spanne so oft unter den Tisch fällt, weiß ich nicht. Wichtiger aber: "In almost all LCA studies the electricity mix had a fossil share of about 50% to 70%." Annahme für die Berechnung des CO2-Ausstoßes bei der Produktion war also ein Energiemix, der zu 50 bis 70% aus fossilen Brennstoffen stammt. Dieses ist mindestens für den Tesla falsch, weil der Strom für die Gigafactory zu 100% aus regenerativen Quellen stammt. Natürlich fallen in der Rohstoffförderung und einigen Verarbeitungsschritten weiterhin CO2 an, aber über die gesamte Produktionskette betrachtet dürfte der fossile Anteil spürbar unter 50% sinken.
LG Chem errechnete 2016 in der bisher einzigen Studie eines Akkuherstellers einen CO2 Ausstoß von 141 Kg pro kWh-Akku. Man sieht hier auch, dass der Großteil in der Herstellung und nicht in der Förderung der Rohstoffe anfällt. Wenn die Akkus mit CO2-freiem Strom produziert werden, muss der CO2-Ausstoß massiv sinken, denn auch wenn unklar ist, welche Annahmen LG Chem für den Strommix getroffen hat, weder China noch Südkorea verfügen über besonders CO2-armen Strom, weil sie recht viel Strom aus Kohle erzeugen.


Außerdem muss man berücksichtigen, dass die LG-Studie aus dem Jahr 2016 stammt. Das ist nun schon drei Jahre her, die Datenbasis für die Studie wird wohl noch ein paar Monate älter sein. Seitdem haben sich die Preise für Akkus aber mehr als halbiert, auch weil die Produktion viel effizienter geworden ist und auch weil sich der Rohstoffmix geändert hat. Diese Überlegungen deckt übrigens auch die IVL-Metastudie:

(Nur ein Ausschnitt, Berechnungen weiter rechts sind wegen anderer Akkutechnologie nicht relevant). Die Studie, die auf die in Deutschland gerne genannten 200kg/kWh kommt, stammt aus 2011, die zweite Studie, die im "Medien-Korridor" von 150-200kg liegt, stammt aus 2013. Alle aktuelleren Studien liegen unterhalb des Korridors, teilweise sogar extrem. Wirft man einfach alle Studie heraus, die aus Zeiten stammten, in den Akkus 500-600$ je kWh (heute eher 100-150$) kosteten, sinkt der Korridor auf 40-140kg CO2/kWh und der Mittelwert in Richtung 70kg. Und die Verbesserung der Produktion seit 2016 ist in der Grafik oben noch gar nicht erhalten.

d) "6-Liter-Mittelklassewagen"

Mythos, würde ich mal einfach sagen. Zwar beziehen sich die Zahlen der Destatis auf den Durchschnittsverbrauch der gesamten PKW-Flotte, da dieser aber in den letzten 8 Jahren nur leicht gesunken ist, kann man hier locker von 7,5 Liter/100km ausgehen. Diesel enthält (bekanntlich) mehr C pro Liter und erzeugt daher knapp 15% mehr CO2 pro Liter. Aus den 6,8 Litern Diesel werden also 7,8 Liter "Benzinäquivalent".

Wenn man nun noch berücksichtigt, dass im Durchschnittswert der Destatis auch viele Autos aus der Kleinwagenklasse stecken und oben von "Mittelklasse" die Rede ist, müsste man eigentlich noch weiter "aufrunden". Aus dem 6-Liter-Mittelklassewagen wird in der Realwelt eher ein 8,x-Liter-Wagen und die Annahme des 6-Liter-Autos dürfte 30-40% zu niedrig liegen.

Vergleiche ich also nun halbwegs fair, hat ein Mittelklasse-Verbrenner einen Benzinverbrauch von 8 Litern Benzin(äquivalent), während ein Mittelklasse-Elektroauto (Tesla Model 3) einen 75 kWh-Akku hat, der bei konservativ angenommenen 100kg CO2 pro kWh 7,5 Tonnen CO2-Rucksack hat. Damit kann ich im Verbrenner etwa 34.000km fahren, denn auf den Ausstoß des CO2s im Auto muss man fairerweise auch die Förderung und den Transport des Mineralöls und den Energieverbrauch bei der Raffinierung von Benzin und Diesel rechnen (Eine EU-Quelle errechnete hier mal einen Aufschlag von etwa 20%), schließlich ist in der Berechnung des CO2-Ausstoßes beim Akku die Förderung auch enthalten. 34.000 Kilometer sind natürlich schon eine ganz andere Größenordnung als die "bis zu 100.000 Kilometer", die der WDR angibt.
Kurz: Der CO2-Rucksack des Elektroautos ist bei einem fairen Vergleich etwa 60% niedriger. Und ich würde wetten, dass eine erste Berechnung des CO2-Ausstoßes bei einer Akkuproduktion mit CO2-freiem Strom noch jede Menge Potenzial für eine weitere deutliche Senkung ermöglicht. Mich würde es nicht wundern, wenn die CO2-Rucksack dann sogar in die Ecke von 20.000km sinken würde. Das Verbesserungspotenzial beim Akku ist riesig, das Verbesserungspotenzial beim Verbrenner bleibt sehr bescheiden.

(die entscheidenden Stellen kommen ab Minute 27.45)

Was bleibt vom Bericht?

Der Abbau von Lithium ist schlecht für die Bevölkerung in Chile, vor allem weil für das abgepumpte lithiumhaltige Salzwasser gutes Grundwasser nachläuft und dadurch der Grundwasserspiegel rund um die Fördergebiete sinkt. Dann haben die Bauern und Viehhirten zu wenig Wasser. Ja Mist, aber in Chile sind vergleichsweise wenige Leute (keine 100.000) betroffen, allein ein Meeresspiegelanstieg in Bangladesh um drei Meter würde 28 Millionen Menschen zur Umsiedlung zwingen. Ich wüsste schon, was ich für ein realistisches Umsiedlungsprojekt halten würde und was für ein unrealistisches … Das ist die knallharte, kühle (vielleicht sogar menschenverachtende) Logik, aber es geht womöglich noch viel, viel einfacher: Nämlich indem das Wasser, das heute einfach verdunstet, aufgefangen wird. Ganz doof in einem Treibhaus. Oder per Wasserentsalzungsanlage. Das aufgefangene Wasser läuft dann in den unterirdischen See zurück und schon kann kein Grundwasser von außen mehr nachlaufen. Das verteuert die Förderung natürlich, aber das sollte es uns wert sein. Auf jeden Fall sind verdoppelte oder verdreifachte Preise von Lithium leichter zu verkraften als die Umsiedlung von Tausenden (Chile) oder Millionen (weltweit) Menschen. (Es gab in einer Doku eine Berechnung des Wasserverbrauchs der Lithium-Förderung im ZDF (Harald Lesch), deren Berechnungen aber möglicherweise noch viel weiter daneben liegen als die Berechnungen zum Akku-CO2-Rucksack; siehe zur Kritik hier: Edison: Lithium aus Lateinamerika: Umweltfreundlicher als gedacht). Und noch etwas Whataboutism: Ölkatastrophe im Nigerdelta. Ölsandabbau in Kanada. Ölkatastrophe in Sibirien. Exxon Valdez. Deepwater Horizon. Ixtoc 1. Ihr dürft die Liste weiter fortsetzen … Gerne auch mit den Kriegen um Öl (reden wir da über Hunderttausende oder sogar Millionen Tote?). Kann es sein, dass wir neue Probleme grundsätzlich viel höher gewichten als alte, gegenüber denen wir anscheinend total abgestumpft sind?

Natürlich sind kleine Autos besser als große, natürlich sind drei Insassen besser als einer, natürlich ist ÖPV mit Bus und Bahn effizienter als 30 PKWs. Natürlich müssen wir den Verkehr neu organisieren. Das ist aber auch nicht neu. Wir sind an dieser Umgestaltung allerdings auch schon zigmal gescheitert. Was soll denn jetzt die Lösung sein? Individualverkehr abschaffen, weil die Lithiumförderung so fies ist? Wir brauchen das Lithium sowieso, auch wenn alle PKWs verboten und nur noch Busse mit Akkus ausgestattet werden und zehnmal so viele Klein- und Großbusse wie bisher autonom durch die Gegend fahren. Statt die E-Mobilität schlechtzureden (von rechnen kann man fast gar nicht reden), müssen wir die Lithiumförderung umwelt- und menschenverträglicher machen. Die Chance, dass wir das schaffen, ist auf jeden Fall größer als bei der Förderung von Mineralöl, vor allem weil Mineralöl durch den CO2-Ausstoß niemals umwelt- und menschenverträglich werden wird.

Update (6.6.19):

Der WDR hat unter die YouTube-Version des Videos eine kleine Ergänzung gepackt:

"Liebe Community, an zwei Stellen waren wir in dieser Doku leider nicht genau genug. Wir sagen, dass in China bestimmte Rohstoffe (sogenannte Seltene Erden) für die Herstellung von E-Auto-Batterien abgebaut werden. Das ist nicht korrekt. Die Seltenen Erden werden zwar für die Produktion von E-Autos abgebaut, aber nicht für die Batterie, sondern für den Elektromotor. Außerdem sagen wir, dass viele deutsche E-Autos rund 100 kWh große Batterien haben. Bislang gibt es jedoch nur einen Audi mit einer solchen Batterie, erst demnächst kommen weitere deutsche Autos hinzu, u.a. von Porsche und BMW. Wir bitten, diese Fehler zu entschuldigen. Danke außerdem für die angeregte Diskussion in den Kommentaren!"

Der Audi hat 95 kWh, nicht einmal der Teil stimmt. Und die ganzen restlichen Aussagen scheint der WDR immer noch für die Wahrheit zu halten. 2019 argumentiert der WDR wie die Schwedenstudie auf 2017.

Update 2 (10.6.19):

Unbedingt auch als Ergänzung lesen:

Graslutscher: Wie eine ARD-Doku absurdes Zeug über Elektromobilität verbreitet und dadurch den Klimawandel verstärkt.

Der Titel ist jetzt nicht unbedingt meins. Aber der Artikel ist sehr ausführlich (ich hab mich ja nur um den Akku-Aspekt gekümmert). Er erwähnt vor allem auch den Punkt, dass an den Salzseen in Argentinien und Chile schon vor dem Li-On-Akku Sole abgepumpt wurde. Damals war Kalium das Ziel der Begierde und Lithium nur ein Nebenprodukt, heute ist es andersherum. "Seit 1996 wird aus dem Salar de Atacama Lithiumchloridlösung als Nebenprodukt der Kaliumchloridgewinnung erhalten. Zurzeit sind drei große Werke im Salar eingerichtet in denen Kaliumchlorid, Kaliumsulfat, Borsäure und Lithium-Sole gewonnen werden" (Wikipedia). Das Problem ist dadurch natürlich nicht weg und wird wohl auch drängender. Aber man sieht schön, wie manche Probleme, die zwei Jahrzehnte niemanden interessiert haben, plötzlich gaaaanz wichtig werden. Und wie andere (Öl) nahezu unter den Teppich gekehrt werden sollen.
Der Graslutscher geht übrigens auch auf den Aspekt der "Bevölkerungsdünne" an den Salzseen ein. Und schreibt ganz kühl: "wenn ich mir bei einer guten Fee wünschen könnte, in welchen Gebieten der Erde neue Erzadern für Zukunftstechnologien gefunden werden, ich würde mir ein paar extrem dünn besiedelte Wüsten aussuchen". Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Sehr lesenswerter Rund-Um-Schlag, der die ARD-Doku richtig auseinandernimmt.

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