Arbeitslosenquote - Erwerbsquote - Erwerbslosenquote - Was hilft bei der Beurteilung der Jugendarbeitslosigkeit wirklich?


Ich hatte das schonmal ansatzweise erklärt, aber anscheinend nicht gut genug, denn es kamen ein paar Fragen. Daher habe ich nochmal ein Erklärstück zu den Zahlen aus den Arbeitsmarktstatistiken gebastelt.

Ich habe das mit konkreten Zahlen für die Jugendarbeitslosigkeit aus Griechenland (Quelle Eurostat) illustriert.

Alle Zahlen im Folgenden beziehen sich immer nur auf die 15 bis 24-jährigen. Die Spalten bezeichnen jeweils das 2. Quartal der Jahre 2006 bis 2012 (damit man einfacher vergleichen kann und keine saisonalen Effekte verzerren).

Die Bevölkerung (population) Griechenland (B):


2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012
1.215,6
1.172,3
1.151,5
1.122,8
1.103,4
1.088,4
1.076,8

Diese setzt sich zusammen aus Personen, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Das sollten in der Altersgruppe der 15 bis 24-jährigen vor allem Schüler und Studenten sein. (Es können aber auch Hausfrauen/männer dabei sein, sowie Frührentner (ok, in der Altersgruppe wohl kaum), Umschüler, ...)

Nichterwerbspersonen (inactive persons) Griechenland (NEP):


2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012
820,7
808,7
802,9
780,0
770,3
775,0
762,6


Erwerbspersonen (active persons) Griechenland (EP):


2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012
394,9
363,6
348,6
342,8
333,1
313,4
314,2

Hier kann man die erste Kontrollrechnung machen ;-) und stellt fest, dass NEP + EP wie geplant B ergibt.

Für die Arbeitslosenstatistik sind die Nichterwerbspersonen relativ uninteressant. Deshalb schieben Politiker ja auch so gerne Arbeitslose (EL) in Umschulungen ab, weil sie dann aus dem Pool der Erwerbspersonen und damit aus den meisten Quoten herausfallen (zumindest denen, die in die Schlagzeilen kommen, mehr dazu unten).

Die Erwerbspersonen sind jetzt die, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Diese untergliedern sich logischerweise in Personen, die Arbeit haben (Erwerbstätige ET), und die, die Arbeit suchen (Erwerbslose EL).

Erwerbstätige (employed persons) Griechenland (ET):


2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012
298,0
283,5
276,8
258,7
228,5
178,5
144,7

Erwerbslose (employed persons) Griechenland (EL):


2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012
96,9
80,1
71,8
84,1
104,6
135,0
169,4

Aus der letzten Zahl wird unter anderem die Arbeitslosenquote errechnet. Und zwar aus der Anzahl der Erwerbslosen (EL) bezogen auf die Anzahl der Erwerbspersonen (EP), also (EL/EP)*100.

Arbeitslosenquote Griechenland (AQ):


2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012
24,5%
22,0%
20,6%
24,5%
31,4%
43,1%
53,9%

Das ist die dramatische Zahl, die gerne durch die Medien gereicht wird.

Wie ich es im US-Arbeitsmarktbericht aber auch immer mache, spiegelt allein die Arbeitslosenquote die Wahrheit nicht richtig wider. In den USA sinkt die Arbeitslosigkeit zwar, aber dort fast ausschließlich, weil die Anzahl der Nichterwerbstätigen (NEP) gestiegen ist. Es stehen dem Arbeitsmarkt also wenige Personen zur Verfügung, weil Menschen freiwillig oder frustriert zu Hause bleiben.

Daher ist die Erwerbsquote immer ein erster guter Quercheck, ob die Lage wirklich so gut (oder so schlecht) ist, wie die Arbeitslosenquote es aussagt. Dazu muss ich Erwerbspersonen und Bevölkerung in Zusammenhang setzen, also (EP/B)*100. Dann weiss ich, wie viele Personen auf dem Arbeitsmarkt aktiv sind oder sein wollen.

Erwerbsquote Griechenland:


2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012
32,4%
31,0%
30,3%
30,5%
30,2%
28,8%
29,2%

Man sieht: Das Verhältnis von Griechen, die auf den Arbeitsmarkt wollen, und denen, die noch anderweitig beschäftigt sind (Schule/Uni), hat sich in den letzten Jahren gar nicht so dramatisch geändert.

Als Quercheck zur Arbeitslosenquote eignet sich die Erwerbsquote aber nur, wenn die Arbeitslosenquote in etwa gleich bleibt. Ändert sich diese massiv, sagt das nicht mehr viel aus. Im Endeffekt sagt die Zahl ja nur, dass etwa 30% was mit dem Arbeitsmarkt zu tun haben, 70% aber nicht.

Besser ist daher noch der Check auf die Erwerbstätigenquote. Diese errechnet sich aus (ET/B)*100, also den Personen, die Arbeit haben (und nicht nur dem Arbeitsmarkt "zur Verfügung" stehen). Und hiermit haben wir den Indikator, der den Einbruch am griechischen Arbeitsmarkt schon eindrucksvoll zeigt.

Erwerbstätigenquote Griechenland


2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012
24,5%
24,2%
24,0%
23,0%
20,7%
16,4%
13,4%

Da uns aber eigentlich die Anzahl der Arbeitenden weniger interessiert als die Zahl der Arbeitslosen (denn da versteckt sich ja der soziale Sprengstoff), macht es noch mehr Sinn, die Zahl der Erwerbslosen ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung (zur Erinnerung wie alle Zahlen in der Altersklasse von 15 bis 24) zu setzen, also (EL/B)*100. Das ist dann auch ein fester Wert, den die EU gerne benutzt.

Erwerbslosenquote (Unemployment ratio) Griechenland


2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012
8,0%
6,8%
6,2%
7,5%
9,5%
12,4%
15,7%

Die Erwerbslosenquote entwickelt sich logischerweise spiegelbildlich zur Erwerbstätigenquote (wenn die Erwerbsquote stabil ist), da Erwerbslosenquote + Erwerbstätigenquote=Erwerbsquote sein muss.

Diese 15,7% ist jetzt der Anteil der Arbeitslosen in Griechenland in der Altersklasse zwischen 15 und 24, der wirklich arbeitslos ist und Arbeit sucht. Dazu kommen dann noch 13,4%, die Arbeit haben, und der große Teil "Rest" (70,8%), der noch zur Schule oder zur Uni geht.

Die Arbeitslosenquote ist in Bevölkerungsteilen, in denen große Teile dem Arbeitsmarkt gar nicht erst zur Verfügung stehen, kein guter Indikator. Die Erwerbslosenquote ist hier wesentlich hilfreicher.


Die Daten gibt es übrigens hier: Dann Stichwort lfsq_egan eingeben

Update (13.06.12) zum ersten Quartal 2013:

Die Diskussion kommt immer gerne im Zusammenhang mit der Jugenarbeitslosigkeit auf. Deshalb ergänze ich diesen oben schon kurz angeschnittenen Bereich mit den Zahlen aus dem ersten Quartal 2013 für Griechenland speziell für die Altersgruppe der 15-24-Jährigen:

Dort meldet die griechische Arbeitsmarktstatistik 548.500 15-19jährige und 512.200 20-24jährige. Zusammen also 1.060.700 GriechInnen, die in die Definition "Jugend" für Jugendarbeitslosigkeit passen.

Davon sind satte 763.100 NICHT dem Arbeitsmarkt zugehörig (also in der US-Sprache, die der ein oder andere vielleicht aus meinen US-Arbeitsmarktberichten kennt sogenannte NILFs - Not In Lobor Force). Damit fallen fast 72% der jungen GriechInnen komplett aus der Arbeitsmarktstatistik heraus, in der jüngsten Altersklasse (bis 19J) sogar über 90%.

Die Arbeitslosenquote bezieht sich - wie oben schon geschildert - nur auf die gut 300.000 GriechInnen, die auf dem Arbeitsmarkt sind. Von diesen 306.700 sind nun 122.700 mit Job und 183.900 ohne Job. Darauf bezieht sich die Arbeitslosenquote ---> 59,96%, gerundet 60.

Die Erwerbslosenquote ist aber deutlich niedriger, weil sich dann die 183.900 auf die gesamte Altersklasse (also die 1.060.700) beziehen. Das ergibt dann eine Jugenderwerbslosenquote von 17,34%, was natürlich deutlich weniger dramatischer ist.

Das ist natürlich immer noch sehr hoch und zigfach höher als in Deutschland und auch deutlich höher als im Griechenland vor der Krise. Aber man darf nicht den Fehler machen, aus der Jugendarbeitslosenquote von 60% folgern, dass 60% der jungen Griechen nichtstuend auf den Straßen rumlungern.

Klar, ein gehöriger Teil der jungen Griechen wird nur deshalb zur Schule oder zur Uni gehen, weil es eh keine Arbeit gibt. Ohne Krise wäre die Zahl der NILFs wahrscheinlich deutlich kleiner. Das hängt wechselseitig voneinander ab. Aber auch nach der Detaildiskussion bleibt es dabei: Die Arbeitslosenquote ist in Bevölkerungsteilen, in denen große Teile dem Arbeitsmarkt gar nicht erst zur Verfügung stehen, kein guter Indikator.

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